Ein Keim der Hoffnung in Galiläa: Bericht von der Konferenz in unserem Wald

von | 15. Apr. 2002 | Berichte, Rundbrief 01 (2002) | 0 Kommentare

Während etwa 40 Menschen unterschiedlichster Herkunft in einem Kreis um ein Feuer sitzen und darüber reden, was für sie Menschsein in dieser desolaten politischen Situation bedeutet, dröhnen über uns die Düsenjäger auf dem Weg zur libanesischen Grenze. Es ist Freitagmittag. Von allen Hügeln um Harduf erschallen die Mittagspredigten von den Minaretten der Moscheen. Zwischendurch klingelt immer wieder hier und da ein Handy: Menschen, die sich nach dem Weg erkundigen. Unser Treffen ist nicht einfach zu finden. In einem Wald (20 Dunam hat der Kibbuz Harduf unserer Initiative zur Verfügung gestellt) mit schwierigen Zufahrtswegen, durch die heftigen Regenfälle der letzten Zeit fast unpassierbar. Hier haben wir am Tag zuvor einen runden Platz gerodet und geebnet, eine Feuerstelle mit Steinen gesichert und mit Stroh und Matten dafür gesorgt, dass wir hier sitzen können.

Im Heiligen Land herrscht Krieg. Ein Teufelskreis der Gewalt reißt die im Lande wohnenden Menschen unterschiedlicher Völker und Religionen in eine sich unausweichlich verbreitende Stimmung von Angst, Resignation und Hoffnungslosigkeit. Jeder, der die komplizierten Verhältnisse auch nur ein wenig kennt, weiss, dass es kein Schwarz und Weiss, keine Guten und Bösen gibt, und dass jede vermeintlich einfache Lösung nur Teil- und Scheinwirklichkeiten erfasst, weil sie aus Vereinfachungen besteht, wie sie aus der Ferne zu den tatsächlichen Gegebenheiten, aus der Blindheit gegenüber der Komplexität des Geschehens, nur zu leicht entstehen. Auch vielen Menschen im Lande selbst ist es unerträglich, mit dem Sowohl-Als- Auch leben zu müssen, und so flüchtet man sich in die Extreme, die Einseitigkeiten, die Besserwisserei – oder eben in den Rückzug ins Private, der angesichts der immer näher rückenden Bedrohungen auf allen Seiten immer weniger gelingen will. Wo bleibt in alledem der Mensch?

Diese alles entscheidende Frage stand im Zentrum einer ganz besonderen Wochenendtagung, die am ersten Aprilwochenende in Galiläa insgesamt etwa 150 Menschen – christliche und muslimische Araber, Juden und Christen aus Galiläa und Europa – tief bewegte. An dem Ort, an dem einmal das Galiläische Zentrum für Gemeinschaftskultur Sha‘ar leAdam – Bab le‘al Insan („Tor zum Menschen“) entstehen soll, in einem Kiefernwald zwischen dem anthroposophischen Kibbuz Harduf und dem arabischen Dorf Ka‘abiya, trafen wir uns, um einen Anfang zu machen und ein Zeichen zu setzen mit Gesprächen zur Lage, mit künstlerischen Aktivitäten, Bothmer-Gymnastik, Landschaftsgestaltung, Theater vom Feinsten aus der Theater-Schule in Harduf, Musik aus allen Kulturen.

Merkwürdig konnte es berühren, dass der erste Keim zu diesem Ereignis vor sieben Jahren entstand, als im fernen Deutschland der Jugendkreis der Oldenburger Gemeinde der Christengemeinschaft anläßlich der Vorbereitungen zu einer Reise nach Israel zum ersten Mal den Gedanken an den Aufbau einer Art Kulturbegegnungsstätte im Kibbuz Harduf fasste. Zunächst war an eine Art Jugendunterkunft gedacht für Sommerlager und Klassenreisen aus Europa. Im Laufe der Jahre verwandelte sich die Idee, als klar wurde, wie viel Begegnung durch die Sommerlager der Christengemeinschaft nicht nur für uns möglich wurde: Die unbefangene Offenheit der Außenstehenden aus Europa wurde auch für die Menschen aus den verschiedenen Kulturen vor Ort zu einer Quelle neuen Interesses

und Verständnisses füreinander. Es entstand eine kleine Arbeitsgruppe von Initiatoren – federführend Ya‘akov Arnan, der Leiter der Schule für Theater und Drama in Harduf (damals außerdem noch als Offizier für die psychologisch-ethische Betreuung von Soldaten in den Westbanks zuständig), Amin Sawa‘ed, der älteste Sohn des Muchtars des Beduinenstammes der Sawa‘ed, ausgebildet in Harduf, am Emerson College in England und am Bothmer-Seminar in Stuttgart, heute Lehrer an der Waldorfschule in Harduf, und Ilse Wellershoff-Schuur, damals noch Studentin am Priesterseminar und heute Pfarrerin in Hannover. In Deutschland wurde ein Förderverein gegründet; und regelmäßig gab es Sommerlager mit Bauprojekten im Kibbuz oder im Beduinendorf. Seit 1998 wird im Rahmen der Sommerlager der Gottesdienst der Christengemeinschaft, die Menschenweihehandlung, gefeiert, und auch dies ist einigen Menschen vor Ort – Juden, die das Christentum über die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie, oft in Europa, von einer neuen Seite her kennengelernt haben, wie auch christlichen Arabern – immer wichtiger geworden.

In Galiläa stößt unser Projekt inzwischen auf reges Interesse. Es gibt zwar in Israel einige Begegnungs- und Friedensstätten, in denen der Dialog gefördert und gegenseitiges Verständnis der Bevölkerungsgruppen füreinander geübt wird. Nirgends sind sie aber so sehr „von unten her“, von den betroffenen Menschen einer bestimmten Region, entstanden. Bei uns sind es auch nicht so sehr die Unterschiede, die im Mittelpunkt stehen, sondern das gemeinsame Lernen am Menschsein in der Begegnung. Gerade die Tatsache, dass die Beschäftigung mit dem Menschenbild und damit das spirituelle und religiöse Element in unserem Projekt einen so

wichtigen und doch ganz neuen Platz einnimmt, wird aufgenommen, wie wenn ein ausgetrockneter Garten nach langer Dürre das erste Mal gegossen wird. So wurde auf der Tagung sehr dankbar und vorurteilslos begrüßt, dass eine Priesterin dabei war, die aus einer Kirche kommt, die keiner Religion die Daseinsberechtigung abspricht und Respekt hat vor dem geistig-individuellen Weg des einzelnen Menschen.

Oft stehen die Menschen im Lande ja nur vor der Wahl, sich vom religiösen Leben ganz abzuwenden oder einen Weg zu wählen, der der Entwicklung des Individuums kaum noch gerecht wird. Das gilt im Judentum genauso wie im Islam und sogar in den doch sehr „alt“ wirkenden christlichen Konfessionen im Lande. Wie kann sich das Suchen des Menschen nach einer zeitgemäßen Verbindung zum Geistigen in der Welt da noch entfalten? Aber in der Abwendung von allem Religiösen lauert die Gefahr der Verflachung, die oft sehr deutlich gesehen wird, und das wiederum führt dazu, dass die strengen Glaubensformen mit ihrem einfachen Weltbild und ihren radikalisierenden Tendenzen auch einen gewissen Zulauf haben. Die Erfahrung, dass in der Suche nach dem Menschen, seiner Heimat und seinem Ziel in der göttlich-geistigen Welt eigentlich der Keim zu einer neuen Sinnerfüllung liegt, wurde auf der Tagung in wunderbaren Worten und Bildern von vielen Menschen zum Ausdruck gebracht, die zum Teil von Anthroposophie und Christengemeinschaft noch nie etwas gehört hatten, und deren Erfahrungen mit Christentum bis dato viel „enger“ waren.

Von dem Vertrauen getragen, dass hier aus den Beziehungen einzelner Menschen zueinander etwas für die ganze Region wichtiges geboren worden ist, soll es nun möglichst zügig weitergehen. Die israelischen Freunde haben schon finanzielle Zusagen von Jugendhilfsorganisationen

und Fonds für die nächsten Schritte. Vom Sommer an soll die Stätte mit Hilfe von Arbeitseinsätzen von Jugendlichen entstehen. Anfragen aus Galiläa gibt es viele. Die Europäer, die in gewisser Weise die Hoffnungsträger der Initiative sind, werden wohl als junge Erwachsene individuell am Aufbau mitwirken, da zur Zeit niemand bereit ist, Gruppenreisen zu verantworten, obwohl es ja gerade in Galiläa (noch?) ganz anders aussieht als anderswo und im Fernsehen…

Auf Hilfe aus einem breiten Freundeskreis sind wir dabei sehr angewiesen. Jeder noch so kleine, aber wenn möglich regelmäßige Beitrag hilft uns, gerade am Anfang, die Arbeit auf eine gute Art in Gang zu bringen. Unsere Beteiligung ist ein Zeichen dafür, dass uns in Mitteleuropa der Friede im Heiligen Land und die Menschen vor Ort , deren Leben zur Zeit nicht viele Hoffnungen bereithält, nicht gleichgültig sind. Wir haben keine Illusionen darüber, dass es in Galiläa vielleicht nur darum geht, weiteren Verhärtungen entgegenzuwirken, aber wie es ein Teilnehmer der Tagung sagte: „Und wenn morgen diese ganze Region in einem schrecklichen Krieg ausgelöscht würde – diesen Samen der Menschlichkeit wird jeder von uns überall hin mit sich weitertragen…“

Auszüge aus Pressemitteilungen zur Konferenz

Ilse Wellershoff-Schuur

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