Die Geschichte des Sawa’ed-Dorfes EI-Homeira

von | 3. Dez. 2006 | Rundbrief 09 (2006), Texte, Themen | 0 Kommentare

Obwohl wir oft von „Sawa’ed“ sprechen, wenn wir das Dorf El-Homeira meinen, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kibbuz Harduf liegt, wissen die meisten von uns, dass (oft auch anders umgeschrieben – Sawaed, Suwaid, Sawayed, Suad oder ähnlich) eigentlich der Name der Familie ist, die dort wohnt. „El-Homeira” heißt „rote Erde”, und so war das Land – jedenfalls zwischen den vielen Steinen – dort beschaffen, als Amin Sawa’eds Urgroßvater 1920 den Grund und Boden kaufte, auf dem heute nicht nur das Stammesdorf, sondern auch der Kibbuz Harduf liegen. Fas’a hieß der weitsichtige Mann, der diesen Teil des großen Stammes der Sawa’ed-Beduinen zu sesshaften Bauern machte. Die Sawa’ed lebten in zwei großen Familienzweigen mehr oder weniger zusammen und zogen mit ihren Tieren (Kühen, Schafen, Ziegen, Eseln und vor allem den für die stolzen Reiter wichtigen Pferden) in den Gegenden von Nordgaliläa umher. Ursprünglich stammten sie aus dem Nordirak. Von dort waren sie vor ca. 300 Jahren nach Westen gezogen und am Anfang des letzten Jahrhunderts waren die Familien von zwei Söhnen des Stammesältesten in die Gegend von Haifa gekommen. Haifa war ein aufstrebender Handelsplatz wegen der beständigen Einwanderung aus Europa (nicht nur von Juden, denn zu dieser Zeit siedelten in der Gegend auch viele pietistische Christen aus Deutschland, die Templer, deren Bauten wir in der Umgebung vielerorts noch besichtigen können).

Das Land, das Fas’a kaufte, war ein ruhiger und wilder Wald, in dem damals noch Leoparden lebten. Gekauft hatte man es von einer ursprünglich aus Marokko stammenden Familie, die von dort wegen irgendwelcher Schwierigkeiten mit der französischen Kolonialregierung ausgewiesen waren ins damals osmanische Palästina. Diesen Leuten, die die „Maghrebiner“ genannt wurden, gehört damals viel Land in der Umgebung. Sie waren reiche Großgrundbesitzer, weil der französische Staat sie teuer ausbezahlt hatte, als sie das Land verließen. 1948 haben sie Palästina/Israel verlassen und sind nach Marokko oder in den Libanon ausgewandert.

Die heute sehr belebte Stadt Shfaram war in den Zwanziger Jahren noch ein Dorf mit wenigen Geschäften und vielleicht 500 Einwohnern. Es war von dem neugebauten Steinhaus Fas’as gut mit dem Pferd zu erreichen. Ansonsten betrieb er mit seiner Frau und seinen drei Kindern Fais, Mohamad und Shicha Landwirtschaft. Vor allem das Land im Tal des Zippori-Flusses war sehr fruchtbar. Dort war auch die Quelle, von der man sich das Wasser holte. Amin erinnert noch aus seiner Kindheit, dass er mit dem Esel dort jeden Tag Wasser holte, bergauf ging es dann etwa 500 Meter in glühender Hitze und schwer beladen…

Über tausend Jahre alter Olivenbaum. Foto: Heiner Schuur

1948 war es für Fais und seine Geschwister keine Frage, dass sie ihr Land nicht verlassen wollten. Fais hatte das Steinhaus der Eltern übernommen, seine Geschwister hatten mit ihren Familien neue Häuser gebaut. Auch Shicha, die Schwester, war mit ihrem Mann im „Dorf” geblieben, was durchaus ungewöhnlich war, weil die Frau nach der Beduinenkultur an sich ihrem Mann in die Nähe seines Elternhauses folgt. So entstand allmählich eine kleine Ansiedlung, in der nur die Nachfahren von Fas’a wohnten. Nach ihm war Fais der Mukhtar des Stammes bis zu seinem Tode im Jahre 1965. Die ganze Verwandtschaft zog im Unabhängigkeitskrieg zwar vorübergehend für etwa zwei Wochen zu Verwandten weiter im Norden, aber da es auf dem Land in Galiläa wenig Auseinandersetzungen gab (die Juden wohnten ja in den Städten), zog es sie bald zurück. Obwohl das Dorf keine offizielle Anerkennung in den staatlichen Planungen bekam, errichtete der israelische Staat 1953 eine sechsklassige Dorfschule für die inzwischen doch recht zahlreichen Kinder. Wasserleitungen gab es allerdings nicht, ebensowenig wie Strom oder eine asphaltierte Straße. Und auch die Schule wurde in den Siebziger Jahren wieder geschlossen, als es mit der Politik von Sharon „Juden nach Galiläa“ hieß, und man die schnell wachsenden arabischen Splittersiedlungen plötzlich viel genauer unter die Lupe nahm. Es wurde angestrebt, dass alle arabischen Staatsbürger in besser kontrollierbaren größeren Orten mit besserer Infrastruktur leben sollten.

Deutsche Jugendliche mit Kindern aus Sawa’ed beim Sommerlager 2001. Foto: Johann Schuur

Einzelne Familienmitglieder der Sawa’ed hatten inzwischen längst den Lebensstil in solchen Städten und Dörfern dem beschwerlichen Leben auf dem Land vorgezogen und Land an arabische Käufer aus oder an den israelischen Staat verkauft (jüdische Israelis können kein Land kaufen, sie bekommen es gegen einen entsprechenden Preis vom Staat als eine Art Erbpacht zugeteilt). Heute, so sagt Amin, bedauern sie es oft, denn die unübertroffen schöne Landschaft, der Blick vom Hang über die Haifa-Bucht und die Ruhe auf dem Land verbinden sich nun langsam mit den Annehmlichkeiten des modernen Lebens. Seit 1980 bekommt das Dorf Wasser aus dem Kibbuz Harduf, der ein großes Stück des verkauften Landes zugeteilt bekam, und obwohl es für eine Schule von der Anzahl der Kinder her nicht reicht, gibt es doch inzwischen einen Kindergarten und einen Schulbus nach Shfaram. Selbst die Stromversorgung wird in diesem Winter endlich EI-Homeira erreichen…

Aber erst 1996 erreichte das Dorf die offizielle Anerkennung und damit gab es auch einen neuen Bebauungsplan, nach dem nun ganz legal gebaut werden darf. Es war ein ewiger Streit zwischen den Dorfbewohnern und den Behörden: Jeder junge Mann, der heiraten möchte, muss ein Haus haben. Und wenn er nicht bauen darf, wo er wohnen möchte (in der Umgebung der Großfamilie), kann er entweder keine Familienpläne schmieden oder er muss notgedrungen das Dorf verlassen. Deshalb gibt es wenig Jugendliche in El-Homeira, Kinder dagegen reichlich…

Mukhtar Tasha Sawa’ed. Foto: Christoph Marx

Fais war der Stammesälteste bis zu seinem Tode im Jahre 1965. Obwohl er aus erster Ehe zwei Kinder hatte, befanden die Ältesten des Stammes, dass der älteste Sohn aus der zweiten Ehe sich für diese wichtige Position besser eignete. Ein erster Anflug von Demokratie und Bruch mit Stammestraditionen durchwehte das Dorf. Taha, Amins Vater, war damals 24 Jahre alt, und wurde nun Mukhtar des Stammes, der in Nordisrael vielleicht etwa 20.000 Angehörige hat, die nun ihre Erwartungen auf ihn richteten. Dazu gibt es noch Tausende von Sawa’ed in den umliegenden arabischen Ländern und auch in Europa und Amerika. Was sind die Aufgaben eines Stammesältesten? Er ist oberste Repräsentant der Sippe, muss allen wichtigen Familienfesten, vor allem Trauungen und Bestattungen beiwohnen und die Betroffenen entsprechend beschenken, Reden halten, trösten, aufmuntern. Vor allem aber muss er Streit schlichten im Rahmen der Sulha, des traditionellen Schlichtungsverfahrens, über das hier ein anderes Mal berichtet werden soll, weil es viel enthält, was zu neuen Formen in modernem Konflikttmanagement beitragen könnte. Eine wirklich herausfordernde Aufgabe, die es unmöglich macht, einen bürgerlichen Beruf auszuüben, so dass der Mukhtar von der Famile getragen und unterstützt wird, vor allem von seinen Kindern. Taha und seine Frau Helena (die ihren ungewöhnlichen Namen ihrer phantasievollen Mutter Sab’ta verdankt) haben 9 Kinder, die fast alle das anthroposophische Grundbildungsjahr im Kibbuz Harduf besucht haben. Fünf von ihnen sind blond und blauäugig – wie es übrigens auch der Gründervater Fas’a war. Amin, sein Bruder Ayman und seine Schwester Amina arbeiten mit Waldorfpädagogik, der Bruder Mahmoun leitet die Bäckerei in Harduf und dessen Frau Chaula unterrichtet Arabisch in den jüngsten Klassen in der Waldorfschule während sie das arabische Waldorflehrerseminar besucht. Amal ist Arzt in Shfaram, die anderen Schwestern sind Familienmütter. Insgesamt mag es etwa 23 Enkelkinder von Taha geben, wenn wir uns nicht verzählt haben… Die Stammesgeschichte wird in den nächsten Generationen sicherlich große Veränderungen zu bewältigen haben, aber sie wird irgendwie weitergehen. Denn bei allem Wunsch nach stärkerer Individualisierung hat man doch den Wert entdeckt, der in einem herzlichen und gastfreundlichen Familienleben liegt, und wird herausfinden, wie diese Werte in einer veränderten Gesellschaft neu leben können.

Vielleicht können wir Europäer gerade auf diesem Gebiet viel von unseren beduinischen Freunden lernen.

Ilse Wellershoff-Schuur mit Amin Sawa’ed

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