Interview mit Iduna Kreissl

von | 15. Juli. 2025

Neun Jahre nach ihrem ersten Einsatz erlebt Iduna Kreissl eine veränderte Freiwilligenkultur: weniger Abenteuerlust, mehr Verantwortungsgefühl. Trotz Krieg und Unsicherheit wachsen Bindung und Engagement. Koexistenz braucht Mut, klare Rollen und echte Begegnung auf Augenhöhe.

Du warst unsere erste Freiwillige im Programm der Jewish Agency, das nun im Sommer eingestellt wird, und warst seitdem ja auch immer mal wieder vor Ort. So hast du die ganze Entwicklung der Freiwilligenprogramme mitgemacht. Wenn du jetzt, in diesen Krisenzeiten, wieder bei den jungen Leuten bist – was ist heute anders?

Es sind inzwischen neun Jahre, die ich mit Harduf und Sha’ar laAdam verbunden bin. In dieser Zeit ist einiges passiert – von Komposttoiletten zu richtigen Toiletten, über eine Brandschutzanlage und neue Zelte und Jurten hin zu einem soliden Andachtshaus, von dem jahrelang nur das Fundament vorhanden war, und wo es sehr viel Geduld und Vertrauen in den Prozess brauchte, bis in den letzten Jahren stetig mehr entstanden ist.

Das Massaker der Hamas am 7. Oktober hat eine schwere Krise entfacht. Während der Kriegsverbrechen in Gaza und in den Kriegen mit den Nachbarländern lebt es sich auch in Israel gerade wieder mit vermehrten Sirenen und häufigeren Läufen in den Bunker. Allein das schafft schon ein anderes Lebensgefühl – und natürlich Unsicherheit. Gleichzeitig erlebe ich auch eine Entschlossenheit bei den Menschen, die sich in diesen Zeiten an einen Ort wie Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan aufmachen. Wer sich heute entscheidet zu kommen, tut das sehr überlegt und mit dem Wunsch nach Zusammenhalt. Es ist weniger ein »Ich will etwas erleben«, sondern mehr ein »Ich will mich einbringen«.

Hat die soziale Arbeit in den verschiedenen Orten und Einrichtungen einen erlebbaren Langzeiteffekt? Kannst du so etwas beobachten?

Wenn wir soziale Arbeit als friedensstiftende Begegnungsarbeit verstehen, also als nachhaltige Beziehungsarbeit, die uns ermöglicht, Offenheit zu zeigen, dann kann ich sagen: Ja, ich beobachte, dass über die Jahre hinweg tiefe Beziehungen entstanden sind – zu Menschen untereinander, die in Israel leben, und zu Menschen, die außerhalb leben. Ich habe inzwischen viele Menschen kennengelernt, die über Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan sagen, dass es ein Highlight ihres Lebens war und der Ort sie verändert oder sogar »gerettet« hat.

Die tiefe Verbindung, die so entstanden ist, welche die Alumni dazu bringt, immer mal zu Besuch zu kommen, zeigt, dass es Verbindung und Beziehung gibt. Ich habe diesen Ort immer als Angebot verstanden, sich mit sich selbst und der Welt auseinanderzusetzen. Wenn Menschen bis heute von den Erlebnissen zehren und dieser Ort es bei einigen geschafft hat, einen Impuls zu hinterlassen, der zu einer nachhaltigen Veränderung heranwachsen durfte, dann hat die soziale Arbeit auf jeden Fall etwas richtig gemacht.

Ich denke, die große Herausforderung wird jetzt sein, dem Generationenwechsel gerecht zu werden. Die Situation im Land fordert uns heraus, und es braucht nun dringend Menschen, die ein Verständnis von sozialer Arbeit, von dem Ort und der Anthroposophie haben und die Vision des Ortes weitertragen wollen – gerade wenn dort nun ein neues Programm entstehen sollte. Es ist immer eine Kunst, Bestehendes zu erhalten und gleichzeitig zeitgemäß mitzuwachsen.

Wir wissen noch recht wenig darüber, wie die neuen Programme aussehen werden, aber auf jeden Fall soll es wieder die Möglichkeit geben, dass auch ausländische und insbesondere auch nicht-jüdische junge Leute teilnehmen können. Macht das einen Unterschied?

Das macht definitiv einen Unterschied. Israel ist getrennter, als es von außen den Anschein hat. Ich erlebe im Moment generell in der Welt, dass wir uns gerne in vertrauten Blasen bewegen, in denen wir uns wohlfühlen – mit Leuten, die ähnlich sind wie wir – und uns ungern mit Andersartigkeiten auseinandersetzen. Denn das ist bekanntlich anstrengend. Aus einer Perspektive heraus, die echte Koexistenz und einen gesunden Dialog als essenziellen Teil für eine friedvollere Welt und ein friedvolleres Israel/Palästina versteht, muss es Orte geben, an denen Berührungspunkte entstehen, geschaffen und begleitet werden.

Es gibt einige Orte und Programme, in denen Menschen übereinander reden, vielleicht sogar miteinander, aber bei denen es am Ende des Tages wieder in das eigene Zuhause, in die eigene (ungleiche) Lebenswelt geht. Israel ist für viele Kulturen, Religionen und Ethnien ein wichtiger Ort und ein Zuhause.

Auszuhalten, auf Augenhöhe zusammenzuwohnen und die Gleichwertigkeit aller Perspektiven zu üben – und damit soziales Miteinander als Bereicherung zu verstehen – halte ich für etwas Besonderes und unabdingbar für zukünftige Projekte.

Iduna Kreissl, Foto: Tor zur Welt … e.V.

Was wäre wichtig zu veranlagen für etwaige zukünftige europäische Teilnehmer, zum Beispiel von den Freunden der Erziehungskunst?

Das kann ich zu diesem Zeitpunkt nur sehr schwer beantworten, da noch nicht klar ist, was im Sommer konkret auf uns zukommt und in welche Richtung sich die Veränderungen entwickeln werden. Erst wenn wir wissen, welche Form von Arbeit und Einbringung wir zukünftigen europäischen Teilnehmerinnen zugedacht haben, können wir auch konkret darüber sprechen, welche Vorbereitungen und Rahmenbedingungen es braucht.

Ich würde mir sehr wünschen, dass es wieder die Möglichkeit gibt, über die Freunde der Erziehungskunst verbunden zu bleiben. Wichtig wird dabei sicherlich sein, dass die Teilnehmerinnen ein echtes Interesse an interkultureller Begegnung und gesellschaftlichem Engagement mitbringen – und sich bewusst damit auseinandergesetzt haben, warum Israel und warum gerade jetzt. Ebenso notwendig ist eine gute pädagogische Vorbereitung, insbesondere in Bezug auf die politische Lage vor Ort. Und – aufgegriffen aus den Feedback-Stimmen der letzten Freiwilligen – eine klare Aufgaben- und Rollenzuteilung.

Und ganz persönlich – was hast du für das Leben gelernt, wie man so sagt? Geht die nahöstliche Reise für dich weiter?

Ich habe in den letzten Jahren so viel in und von diesem Ort gelernt. Er ist maßgeblich daran beteiligt, dass ich so bin, wie ich heute bin. Und dafür bin ich zutiefst dankbar.
Für mich hat die nahöstliche Reise nie geendet, seitdem ich zum ersten Mal meinen Fuß auf israelischen Boden gesetzt habe. Sie ist vielmehr zu einem inneren roten Faden geworden – und tatsächlich auch zu einem meiner größten inneren Kämpfe: Deutschland oder Israel? Wann geht es wieder hin? Wo liegen meine Verantwortungen?

Die Reise geht auf jeden Fall weiter. Ich habe dort mein Zuhause gefunden – und eine seelische Verbundenheit zu diesem Land und den Menschen, die ich selbst nicht ganz erklären kann. Ich frage mich oft, was das Schicksal mit mir vorhat. Gleichzeitig gibt es einige Gründe, die mich (noch) davon abhalten, meinen Lebensmittelpunkt wieder ganz dorthin zu verlagern. Bis dahin pendle ich weiter und versuche, die Verbindung lebendig zu halten, wo auch immer ich gerade bin.

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