»Die beiden Brüder hassten ihre eigenen Seelen,
fanden ihren Tod, Bruder durch die Hand des Bruders.
Abraham, der Vater, bei ihrem Anblick
schließt er für ewig seine Augen.
Kain und Abel,
Isaak und Ismael,
Palästina und Israel,
wie seid ihr gefallen, einer durch die Hand des anderen?
Die Stimme des Bruders schrie aus der Tiefe der Erde.
Welcher Hochmut reitet dich?
Welche Unwissenheit blendet dich?
Welche Sturheit hält dich umklammert?
Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs,
der Gott des Jesus von Nazareth
und des Propheten Mohammed,
er weint über euer grausames Schicksal.«–
Erster Chor der Antigone, Y. Arnan, N. Bnayahu,
Harduf, Israel
»Ich will eine Kerze in der Dunkelheit sein«, schrieb Mahmoud Darwish, palästinensischer Nationaldichter, in seinem zeitlosen Gedicht Denk an den Anderen. In allen drei Sprachen prägte dieser tiefsinnige Wunsch das Schauspiel Antigone, mit dem die Midrasha – das sechsmonatige Programm für arabische und jüdische Schulabgänger – in diesem Jahr ihre gemeinsame Zeit abschloss. Es gibt nichts Besseres als eine Tragödie, um dieses tragische Jahr im Nahen Osten zusammenzufassen – eine Tragödie, in der Hoffnungen auf eine bessere Zukunft höchstens in der Dunkelheit geflüstert werden, über dem blutenden Land.
Die Menschen haben sich an so vieles gewöhnt – Raketen aus dem Norden, Osten und Süden, furchtbare Kriegstaten im Namen einer vermeintlichen Sicherheit, Geiseln, die im Stich gelassen werden, Frauen und Kinder, die Tag und Nacht zu Opfern werden. Nur mit einer Sache kann man die Leute hier noch richtig verstören: indem man ein mögliches Hoffnungszeichen setzt. Die Seele des Menschen kann nur eine gewisse Anzahl von Enttäuschungen ertragen, bevor sie sich verschließt – und die ist längst erreicht.
Und doch, wenn man ganz still ist, kann man immer noch ab und zu ein hoffnungsvolles Flüstern hören. Das zweisprachige Schauspiel der Midrasha gehört sicherlich dazu. Es war keine prunkvolle Vorstellung wie in den vorangegangenen Jahren, sondern eher ein tiefes, sehnsuchtsvolles Plädoyer dafür, dass der Mensch aufwachen möge, um das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.
»Generation nach Generation trägt den Fluch auf den Schultern … mit geschlossenen Augen hören sie nicht auf zu fallen …« – so sagte es der Sprechchor, gerade bevor Kreon herausfindet, dass seine Welt zusammenbricht mit dem Tod seines Sohnes, seiner Schwiegertochter, seiner Frau. Die Katharsis war tiefer dieses Jahr, bedeutungsvoller. Sieben Vorstellungen gab es vor Hunderten von Menschen aus den Städten und Dörfern der Region – Juden, Muslime, Christen, Beduinen, Schüler, Erwachsene, Theaterleute, Lehrer und viele mehr.
Einige Monate vorher hatte es Geflüster von Hoffnung unter den Teilnehmenden gegeben, indem sie sich weigerten, das Programm aufzugeben – insbesondere die entscheidende Komponente, den Freiwilligendienst mit Kindern in den Dörfern der Umgebung, jeden Tag, Juden in arabischen Orten, Palästinenser in jüdischen Gemeinschaften.

Es ging nicht immer so glatt – so zum Beispiel in Kaabiya, unserem Nachbardorf, eigentlich ein friedlicher Ort in friedlichen Zeiten. Doch in der langanhaltenden Kriegssituation nehmen Kinder so vieles auf … auch die Nachrichten aus Gaza. So bekamen die jüdischen Teilnehmer einiges ab an Drohungen und feindseligen Bemerkungen, und bald fragten einige nach einer Alternative zu den täglichen Demütigungen. Alle außer einer – Zohar –, die darauf bestand, nicht aufzugeben. Durch die ganzen sechs Monate ging sie Tag für Tag nach Kaabiya, rannte gemeinsam mit ihren Sechstklässlern in den Schutzraum, wenn die Raketen der Hisbollah von Norden kamen, und Steinchen für Steinchen wurde die Brücke des Vertrauens wieder aufgebaut.Schließlich kamen alle Kinder, um »ihr« Schauspiel zu sehen, und sie lauschten hingebungsvoll jedem Wort – ziemlich ungewöhnlich für Zwölfjährige. Zohar hat uns alle noch einmal über die Rolle des Langmuts in der Friedensarbeit belehrt – Generation für Generation muss man Vertrauen bauen und hüten. Kein Abkommen von oben kann uns das verordnen oder verhindern, dass wir in Feindseligkeiten zurückfallen. Es gibt keine Impfung gegen Hass! Geschwisterlichkeit wächst nur durch die Entschlossenheit der einzelnen Menschen, durch ihre Bereitschaft zu vertrauen, ihre Hoffnung, ihre Positivität und ihren Großmut.
Im März 2025 feierten wir sieben Jahre Midrasha in Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan, mit 181 Ehemaligen, die immer noch in Kontakt bleiben und die wieder und wieder zu unseren Ehemaligentreffen kommen (zu Ramadan, Sukkot und Weihnachten-Chanukka). Es ist eine große Familie, in der sich die jungen Menschen gegenseitig darin bestärken, ihren Weg gemeinsam weiterzugehen, auch wenn die Erde unter ihren Füßen ziemlich wackelig ist. Wir werden oft gefragt, was die jungen Leute motiviert, an so einem Kurs teilzunehmen – jedes Jahr von Neuem, insbesondere in so hoffnungslosen Zeiten? Wenn wir mit dieser Frage in unseren Herzen leben können, dann gibt es auch eine Möglichkeit, darauf eines Tages ein paar gute Antworten zu finden. Bis dahin werden wir weiter gemeinsam singen, spielen und bauen – mit großer Neugier auf alles, was die Zukunft uns bringen wird.
Denk an die Anderen — Mahmoud Darwish
Wenn du dein Frühstück vorbereitest, denke an die anderen Vergiss nicht, die Tauben zu füttern. Wenn du dich in Kriege stürzt, denke an die anderen Vergiss nicht die, die um Frieden bitten. Wenn du die Wasserrechnung bezahlst, denke an die anderen Jene, die aus Wolken trinken. Wenn du ins Haus zurückkehrst, in dein Haus,
denke an die anderen Vergiss nicht die Menschen der Zelte. Wenn du schläfst und die Planeten zählst, denke an die anderen An die, die keinen Schlafplatz gefunden haben. Und wenn du deine Seele mit Metaphern befreist,
denke an die anderen Jene, die das Recht auf Worte verloren haben. Und wenn du an die weit entfernten Anderen denkst, denke an dich selbst. Sag: Ich will eine Kerze in der Dunkelheit sein.–
Haran Bar-On, IWS





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