Combatants for Peace – Yair Bunzel im Gespräch

von | 17. Apr. 2020 | Lage vor Ort, Rundbrief 23 (2020), Stimmen, Texte, Themen | 0 Kommentare

Im Frühling 2019 hat auf dem Gelände des Begegnungsortes erstmalig eine jüdisch-arabische Gedenkveranstaltung der Combatants for Peace am israelischen Erinnerungstag stattgefunden. Die Combatants sind eine Bewegung ehemaliger Soldaten und Kämpfer beider Seiten, die dem Kampf abgeschworen haben und sich für Dialog und Versöhnung einsetzten. Dass dieses Treffen in der Begegnungsstätte stattfand, ist ein schöner Beweis, wie wichtig dieser Ort bereits für regionale und nationale Initiativen in Israel geworden ist.

Ein Gespräch mit Yair Bunzel, Koordinator der Combatants for Peace für Nordisrael.

Warum ist dieser gemeinsame Erinnerungstag so wichtig?
Der Erinnerungstag ist ein staatlicher Erinnerungstag für die getöteten israelischen Soldaten aller bisherigen Kriege. Viele mussten ihr Leben lassen, um den Staat Israel zu verteidigen, und der jährliche Erinnerungstag ist für viele Israelis ein sehr emotionaler und schmerzvoller Tag in Gedenken an getötete Familienangehörige und Freunde. Die Combatants for Peace haben vor 13 Jahren angefangen, einen gemeinsamen Erinnerungstag zu begehen, zu dem wir unsere palästinensischen Freunde einladen, gemeinsam an alle Opfer der Kriege zu erinnern. Wir wollen den Israelis klar machen, dass es noch eine andere Seite des Konflikts und andere Opfer und Schmerzen gibt. Das Leiden von Familien, die ihre Angehörigen verloren haben, ist gleich schwer und traurig, egal unter welcher Flagge die Angehörigen gekämpft haben. Zu diesem Gedenktag laden wir Israelis und Palästinenser ein. Jedes Jahr ist die Veranstaltung gewachsen, und letztes Jahr waren in Tel Aviv über 9000 Menschen dabei. Inzwischen wird die Zeremonie auch weltweit per Video übertragen und so gibt es tausende Menschen weltweit, die teilnehmen.
Vor vier Jahren haben wir angefangen parallel zur Erinnerungszeremonie in Tel Aviv im Norden Israels ähnliche Veranstaltungen durchzuführen. Bei den Veranstaltungen in Haifa und Tivon sprachen wir mit mit jüdischen und palästinensischen Israelis vor allem über die Nakba, die arabische Katastrophe, die bei den jüdischen Israelis als Unabhängigkeitstag gefeiert wird. Damit wollen wir klar machen, dass es in Israel die 20% arabische Israelis gibt, für welche dieser Tag eine große Zerstörung mit vielen Opfern bedeutet. In der israelischen Perspektive nimmt ihre Erinnerung normalerweise überhaupt keinen Platz ein. Aber es ist ja ein staatlicher Erinnerungstag, und wenn Israel ein Staat sein will, in dem Juden und Araber sich zur Gesellschaft zugehörig fühlen sollen, kann man nicht 20% der Bevölkerung und deren Erinnerungskultur ausschließen.
Der kleine Veranstaltungsort in Tivon reichte letztes Jahr nicht mehr aus, und die Stadtverwaltung lehnte unsere Anträge auf Nutzung eines öffentlichen Raumes ab. In der Begründung hieß es, dass nicht alle Israelis damit einverstanden seien, arabische Israelis zur Veranstaltung einzuladen. So haben wir uns an Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan gewandt. Zur Veranstaltung kamen dann dort ca. 600 Personen, darunter viele Einwohner der umliegenden arabischen Ortschaften.

Warum Sha’ar la Adam- Bab l’il Insan?
Als bekannt wurde, dass wir keinen Platz von der Stadtverwaltung in Tivon bekommen, hat einer von den Organisatoren Shaar la Adam – Bab l’il Insan erwähnt. Wir haben dort angerufen und ziemlich schnell hat sich alles ergeben. Eine große Hilfe war dabei Yuval, der Kibbuzsekretär in Harduf.

Viele unserer Leserinnen und Leser kennen den Begegnungsort im Wald mit dem zentralen Platz mit der Feuerstelle in der Mitte. Wie lief dieses Treffen dort genau ab?
Das Treffen in Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Es war allerdings sehr kurzfristig und wir hatten keine Ahnung, ob es überhaupt klappen und ob Leute kommen würden. Wir haben von Tivon einen Bus bestellt und wussten gar nicht, ob sich das lohnen wird. Dann aber war der Bus randvoll und konnte gar nicht alle Interessierten mitnehmen. In Sha’ar la Adam – Bab l’il Insan wurden wir herzlich von Faiz, Yaakov aber auch dem Kibbutzsekretär Yuval empfangen. Auch sie hatten Schwierigkeiten gehabt, dieses Treffen im Kibbutz Hardurf zu rechtfertigen. Denn auch in Harduf gab es wie überall in Israel große Diskussionen, warum ein Treffen mit der arabischen Seite gerade an dem Tag stattfinden soll, an dem sich das jüdische Israel seines Schmerzes und seiner Toten erinnert.
Die Rednerinnen und Redner kamen von jüdischer und palästinensisch-arabischer Seite. Uns ist es am wichtigsten, dass sie vor allem ihre persönlichen Geschichten teilten. Denn persönliche Geschichten sind das beste Mittel, um Angst und Misstrauen gegenüber der anderen Seite zu verringern. Zuhören und Begreifen, dass es auch auf der anderen Seite Menschen gibt, die Empathie wünschen und brauchen ist die Grundbedingung und das Notwendigste, um überhaupt mal über irgendwelche zukünftigen Lösungen nachzudenken. Weiterhin wurden Lieder gesungen, es gab Musik und kleine Erinnerungszeremonien wurden abgehalten, aber im Vordergrund steht immer das gegenseitige Zuhören. Das ist das Grundmotiv dieser Veranstaltung, egal ob sie in Tel Aviv, Haifa oder in Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan stattfindet.

Anselm Schelcher

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