Zarte Pflänzchen — und ein brennender Kampfjet

von | 26. Apr. 2018 | Rundbrief 21 (2018), Texte, Themen | 0 Kommentare

Das Neujahrsfest der Bäume ist ein jüdisches Frühlingsfest, an dem in Israel gern auch weltliche Umweltschützer Menschen Bäume pflanzen, um ihre Verbindung zu Jahreslauf und Natur zu zeigen. „Und wüsste ich, dass morgen die Welt untergeht, ich pflanzte noch einen Apfelbaum…“ Die Weisheit des Ausspruchs Martin Luthers, wurde am 10. 2. in der Begegnungsstätte Sha’ar laAdam – Bab l’il Insan bei Harduf in Galiläa mit besonderer Aktualität erfüllt:

Man hatte zum Bäumepflanzen viele Freunde aus arabischen und jüdischen Orten der Umgebung eingeladen. Aber in der Morgendämmerung geschah etwas, das einen seltsamen Kontrast bilden sollte zu dem friedlichen Fest.

Ein Düsenjet kreischte über der Umgebung von Harduf, ungewöhnlich laut, begleitet von Explosionen. Dann endete der Fluglärm mit einem Knall in unmittelbarer Nähe. Stille. Viele Menschen waren aufgewacht und suchten die Absturzstelle. Sie fanden das Wrack direkt vor dem Ortseingang, ganz nah an der Waldorfschule auf freiem Feld. Dort brannte das Flugzeug aus. Da niemand wusste, was mit den Piloten geschehen war, bestand zuerst durchaus Sorge um Menschenleben, aber bald wurde klar, dass sie, wenn auch verletzt, überlebt hatten.

Der Absturz war kein Unfall. In der Nacht war eine iranische Drohne von Syrien aus in israelisches Gebiet eingedrungen, was ob der Drohungen des Irans gegen Israel bedrohlich erschien. Die israelische Luftwaffe hatte die Bodenstation der Drohne zerstört und der Kampfjet war auf dem Rückweg von syrischer Luftabwehr getroffen worden. Es folgte eine Vergeltungsaktion Israels. Die Spirale der Gewalt drehte sich, bis die hohe Diplomatie, die kein Interesse an einer Verwickelung Israels in die komplizierten Verhältnisse im syrischen Bürgerkrieg hatte, über Jerusalem und Moskau das Scharmützel beendete…

Inzwischen war der Absturzort von Polizei und Militär gesichert. Viele Journalisten fanden sich ein. Die Nachrichten in aller Welt zeigten den verbrannten Jet vor der Kulisse der Waldorfschule und des Kuhstalls von Harduf. Anthroposophische Freunde, die diese Gebäude auf Reisen, Friedensübungswochen, Jugendlagern erlebt hatten, stutzten. Harduf in den Nachrichten! Ein bizarres Bild!

Einige hundert Meter weiter wurden in aller Ruhe die Setzlinge gepflanzt — Mandel-, Granatapfel-, Ölbäume rund um den Steinkreis im Zentrum der Begegnungsstätte, von Jugendlichen aus der Christengemeinschaft geschaffen. Es wurde gesungen und gesprochen, auch von dem Ereignis des Morgens. War das nur ein Zufall?

Was für ein Kontrast: Die große weite Welt war eingebrochen. Dort ein Jet amerikanischer Bauart, Syrien, Iran, Russland, Spannungen, Kriege, Ängste und Gewalt… Und hier die Menschen, jüdische und palästinensisch-arabische Einheimische, Freiwillige aus Europa und Amerika, bemüht um ein menschliches Miteinander, einen würdigen Umgang mit der Natur. Einerseits dieses Produkt modernster Technologie, Millionen von Dollar teuer. Andererseits die Bäumchen, und auch das Fundament des Andachtshauses für alle Religionen und Kulturen. In der Summe wird es einen Bruchteil von einem Kampfjet kosten… und doch ist es so schwer, die Mittel für einen Ort zu sammeln, das nur dem Geistesleben und der religiösen Erneuerung dienen soll!

Harduf und alles, was hier lebt, ist einen Moment lang in den Brennpunkt des Interesses gerückt. Im Kontrast zu den kriegerischen Ereignissen fällt auf diese Bemühungen ein besonderes Licht. In der Begegnungsstätte selbst wurde die Verantwortung vor der Welt eindringlich spürbar. Was bedeuten unsere Bemühungen für das große Ganze?
Was bleibt von diesem Tag? Das wertlose, doch mahnende Wrack eines Flugzeugs — oder die Zukunft der gepflanzten Bäume?

Ilse Wellershoff-Schuur mit Ya’akov Arnan


*Dieser Beitrag ist am 13. März 2018 unter dem Titel “Ein zartes Pflänzchen und ein brennender Kampfjet” in der Wochenschrift für Anthroposophie ‘Das Goetheanum’ erschienen und kann hier abgerufen werden.

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