Neue Gemeinschaft: Eine Leseprobe aus dem Reisejournal

von | 5. Jun. 2016 | Berichte, Bücher, Reisen, Rundbrief 19 (2016), Themen | 0 Kommentare

Im Jahr 2015 ist ein Buch von Ilse Wellershoff-Schuur erschienen, mit dem man entweder auf dem Sofa die Route und die Erlebnisse einer Reise ins Heilige Land nachempfinden – oder aber sich selbst aufmachen kann, um das Land mit ein paar neuen Ideen zu bereisen und ein wenig besser zu verstehen. Im Folgenden einige Auszüge aus dem Kapitel “Neue Gemeinschaft“.


Gottesdienst – Naturerleben – Die Geschichte des Kibbuz Harduf – Neue Gemeinschaftsbildung – Sha‘ar La Adam – Bab l‘il Insan – Ein Haus des Gebetes – Neue Gäste – Religionsunterricht in der arabischen Waldorfschule?

Der Tag beginnt mit der Menschenweihehandlung – ein wirklicher, nicht nur gelesener, gemeinsamer Gottesdienst für die Reisegruppe, einige Aktivisten aus Harduf und einige zufällige Interessenten von hier, denn mit den Einladungen an alle hat es mal wieder nicht so recht geklappt. Einige arabische Freunde, ein jüdisches Paar und ein paar der deutschen Volontäre sind dabei.

Seit 1998 wird hier immer wieder, wenn auch nicht wirklich regelmäßig, der Gottesdienst der Christengemeinschaft gefeiert – in den unterschiedlichsten Räumen, meist in der Schule, zuerst mit mitgebrachten Gewändern und kultischem Zubehör, später haben wir erst einiges, dann immer mehr in Harduf gelassen, auch ohne dafür einen würdigen Aufbewahrungsort zu haben. Bei den Eurythmisten, bei verschiedenen Privatleuten, schließlich in der Schule für Sprachgestaltung und Theater – Mishkan haMila (dem „Wohnort des Wortes“, sehr passend), die jetzt die organisatorische Heimat nicht nur der Sprache sondern auch unseres Begegnungsimpulses wie auch des anthroposophischen Grundbildungsjahres bildet, unter dem schönen Namen Sophia, der die Assoziation dieser Initiativen versinnbildlichen soll. Und so gehören wir wohl wirklich in dieses schöne Haus, in dem das Wort den Menschen dienen will. Die Räume eignen sich gut für einen vorläufigen Gottesdienstraum, auch wenn mittendrin oft der Feuermelder losgeht… Draußen versammeln sich die Tiere auf dem Dach – die Natur spürt, dass hier etwas geschieht, das die ganze Erde angeht.

Dass das immer wieder geschehen kann, dafür fühlen wir uns verantwortlich. Es ist aber sehr schwer, hier in all dieser Unregelmäßigkeit eine echte Gemeinschaft zu bilden. Das Interesse ist da, bei allen Bevölkerungsgruppen – bei den jüdischen Menschen, die hier durch die Anthroposophie das Christentum kennengelernt haben, bei den arabischen Freunden, die in den anthroposophischen Initiativen arbeiten, vor allem bei den arabischen Christen. Im Gegensatz zu ihren Gottesdiensten in der griechisch-katholischen Kirche bei dem bemerkenswert offenen Pater Abuna Andraos Bahouth sind es hier nicht nur ethnisch in das Christentum hineingeborene Christen, die den Gottesdienst feiern. Es ist wohl ziemlich einzigartig, hier Menschen aller Bevölkerungsgruppen in Andacht versammelt zu sehen, auch wenn sie ansonsten ein völlig verschiedenes Gebetsleben pflegen. Die Seminare zu den damit verbundenen religiösen Fragen gehören zu dem intensivsten, was man im Lande an Friedensarbeit erleben kann.

Zuerst wollte ich auf Deutsch predigen zur Perikope von der Ehebrecherin – aber dann sah ich in die von der deutschen Handlung schon ziemlich überforderten Gesichter der Einheimischen und kombinierte etwas Englisch hinein:
Richten – das impliziert, dass es das Richtige gibt, der Richter tut das: etwas geradebiegen, was krumm war. Er ist vom Volk berufen, nimmt das nicht allein auf sich, nicht persönlich. Wir anderen tun es auch oft, aber immer wenn wir urteilen, festigt sich etwas in uns, und die Kraft der Liebe kann nicht fließen, weil ein Vor-Urteil den Weg verschließt für das Lebendige. Es ist ein Unterschied, ob ich zu den Wurzeln gehe (Was hat Moses geboten mit so einer Frau zu tun?) oder zur Quelle, die die lebendige Liebe ist (Ich verurteile dich auch nicht…). Am Altar treffen wir uns, um diese Liebe, die Gegenwart des Geistes der Liebe, durch die heilige Handlung zu stärken.


Naturerleben
Wir leben auf dieser Reise immer wieder im Spannungsfeld zwischen gewachsenen Menschenkulturen einerseits und dem überwältigender Erlebnis der Natur andererseits, einer Natur, der wir sonst oft so entfremdet sind. Die Gründer des Kibbuz Harduf haben wie viele andere, die hier Neues schufen, nah an der Natur, mit der Natur leben müssen, um diese Gemeinschaft ins Leben zu stellen. Wir bemerken und verstehen, dass das Erleben der Natur ganz anders ist als bei uns: Europäische Großstädter kommen dem Leben der Elemente wieder näher, und sie tun das gern, wenn aufleuchtet, dass hier etwas von dem ganz und gar Wirklichen zu erleben ist, das wir so verzweifelt und an denn unwahrscheinlichsten Orten suchen.

Tagebuchnotiz: Das Bild des Himmels und der Erde
Oktober 2012 – Natur und Sprache…

Schlafen unter dem Sternenhimmel – zuhause in Deutschland habe ich das – so weit ich mich erinnere – nie gemacht. In Israel auch schon lange nicht mehr. Aber als klar wird, dass unsere jungen Nathan-Schauspieler in der noch ungebauten Begegnungsstätte im Wald schlafen werden, und als ich dann erlebe, wie angewachsen dieser Ort inzwischen ist, bekomme ich überraschenderweise Lust auf eine Nacht im Freien. So biete ich mich an, die letzte Nacht dort mit ihnen zu verbringen – eine erwachsene Vertrauensperson sollte ja immer dabei sein. Und etwas später übernachte ich dann mit meiner beduinischen Familie noch einmal spontan am Strand in einem Naturschutzgebiet, wo in den Ferien viele Familien und Jugendgruppen campen. Zwei Nächte im Tausend-Sterne-Hotel… Sie erinnern mich an die Nächte auf den Wüstenwanderungen, eine Nacht am Strand von Haifa während meines Ulpan-Sprachkurses – wenn ich draußen geschlafen habe in meinem Leben, dann merkwürdigerweise immer nur im Heiligen Land. Und diese Erlebnisse haben tiefgreifende Wirkung – alles wird wirklicher durch sie.

Was ist an Nächten unter freiem Himmel so besonderes? Es ist eben wirklich sehr dunkel, trotz des Feuers, das wir Menschen entfachen und unterhalten können. Das Feuer hilft schon sehr, es ist eine ungeheure Errungenschaft. Wenn ich ganz allein irgendwo in der Wildnis die Nacht verbringen sollte, würde ich mir am meisten wünschen, wenigstens Streichhölzer dabei zu haben. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mit Pfadfindermethoden ein Feuer hinbekommen könnte – wenn es wirklich gelänge, einen Funken zu entfachen, könnte ich damit wahrscheinlich kaum ein Stück Holz oder auch nur ein paar trockene Blätter zum Brennen bekommen, obwohl mir das Prinzip theoretisch und vom Kaminanzünden vertraut ist. Ich bin wie die meisten Zeitgenossen wenig daran gewöhnt, die Finsternis nicht jederzeit mit einem Klick ausschalten zu können… Und ich bin deutlich weniger naturnah sozialisiert als meine israelischen Freunde, zu deren Jugendideal das Leben in der Natur immer dazu gehört. Leben nicht nur im sondern mit dem Lande…Parallelen zur Wandervogelbewegung am Anfang des letzten Jahrhunderts drängen sich auf.

Jedenfalls ist die Dunkelheit unerbittlich. Aber die Sterne sind tröstlich, der Mond wirklich hilfreich. Sie geben Orientierung, immerhin. Wenn ich wach liege, kann ich Bewegung erkennen am Himmelszelt. Ich linse über die Ecke meines Schlafsackes und fixiere den Mond – schon nach kurzer Zeit wird deutlich, wie er sich mit dem ganzen Himmelszelt bewegt. Wo steht er? Wie kann ich am Halbmond ausmachen, wo gerade die Sonne steht? Ich erlebe Richtung in der Bewegung der Erde, nach Osten drehend. Und die Polarität der Angelpunkte, um die sich alles dreht. Ein lebendiges Himmelkreuz. Das braucht ein wenig Geduld, ist aber ein wirkliches Erlebnis – wie anders als alle Theorie!

Und dann die Stille der Nacht. In unserem Wald ist sie ziemlich ungebrochen. Nur ein gelegentliches Flugzeug, das eine oder andere Tier und kurz vor Sonnenaufgang der Muezzin durchbrechen das Schweigen. Das ist schon im Beduinendorf, wo ich vorher geschlafen habe, ganz anders: Die Tiere dort sind unglaublich nachtaktiv – wilde und zahme Hunde heulen, Schafe und Ziegen blöken und der Hahn hat irgendwie nicht verstanden, dass er nach europäischer Meinung nur bei Sonnenaufgang zu krähen hat – sein Geschrei begleitet die ganze Nacht. In mehr städtischen Siedlungen ist es der Lärm des Menschen und seiner Hilfsgeräte – Autos, Züge, Klimaanlagen, tatütata… Und selbst am Strand, wo es doch auch naturnah-still sein sollte bis auf das rhythmische Rauschen des Meeres, halten die vermeintlichen Naturburschen das akustische Nichts meist nicht lange aus – ob es Gegröle und lautes Singen ist oder das dumpfe Buumbuum der mitgebrachten Stereoanlage aus der Ferne, wir machen Lärm, um der Stille nicht ausgesetzt zu sein. Wer kann die Stille in sich aushalten, ohne sich einsam zu fühlen? In diesem Erlebnis füllen sich Begriffe wie „Stille“, „Schweigen“, „Ruhe“, oder „Lärm“ und „Schrei“ mit neuer Bedeutung.

Die Härte der Erde. Was haben wir Menschen nicht alles getan, um uns das Lager bequemer zu machen. Bin ich eine Prinzessin auf der Erbse? Sind wir nicht alle inzwischen so königlich sensibel, dass wir höchstens in der frühesten Jugend ein Lager direkt auf der Erde ertragen? Auch die scheinbar der Natur noch viel näheren Beduinen klagen inzwischen über Rückenprobleme… Und was ist dabei der Sand, auf dem wir am Strand schlafen, anderes als der Felsboden im Wald? Nichts als ganz kleine Steine, die zwar mit der Hand provisorisch zu einem anatomisch korrekten Lager umgegraben werden können, aber letztlich unnachgiebig bleiben… Also erleben wir hier konkret was das heißt: „hart“, „weich“, „Anpassung“ und „Widerstand“…

Die Nacht hält mich fest, lähmt mich. Wenn es nicht ganz zwingend ist, bleibe ich im Schlafsack liegen. Auch wenn die Unterlage hart ist, mein Rücken schmerzt – ohne künstliche Lichtquelle wie eine Taschenlampe würde ich nicht gern herumlaufen, wenn ich im Wald oder am Strand keine wirkliche Orientierung habe. Erlösung bringt erst der nahende Sonnenaufgang. Plötzlich wird die Welt wieder handhabbar. Ich bekomme Lust, sie zu erkunden, stehe früh auf, bin unendlich dankbar für das erste Sonnenlicht. Endlich aufstehen zu dürfen… Ende der Nacht.

Wir gehen täglich mit all diesen Sprach-Bildern um, die hier in der Natur ganz konkret zu erleben sind: in Gebeten, Predigten, in politischen Reden, in alltäglichen Redensarten, in der Sprache an sich. „Der Sonne liebes Licht, es hellet mir den Tag“, „Da geht mir ein Licht auf“, „Das ist erhellend“, „das ist die Härte“, „eine ruhige Fläche“ oder „eine schreiende Farbe“. Diese sprachlichen Bilder werden ohne Erlebnisse an der Wirklichkeit immer abstrakter. Für mich sind sie durch die Nächte im Freien wieder kraftvoller geworden.

Die hebräische Sprache ist wortarm, darum bilderreich. Ein einziges Wort kann je nach grammatikalischer Beugung ganz Verschiedenes bedeuten, aber immer schwingt die Wurzel mit, diese drei Konsonanten, die dem Wort seinen Inhalt vermitteln. Die Beugung, durch Suffixe, Präfixe, Vokalisierung, stellt das Wort dann in die Welt. SFR – Erzählen, Buch, Zahl, zählen, Erzähler, Schriftsteller, Bibliothek, Bibliothekar, je nachdem… Die Bilder sind in jedem Wort immer lebendig anwesend. Aber nur durch Erlebnisse in der Welt werden sie lebendig. Wenn wir hören, dass es schon für die Substantive Licht, Schein, Glanz, Helle, Scheinen, Leuchten, Schimmer, Klarheit, Leuchtkraft, Lichtesflut zum Beispiel im Wesentlichen nur ein Wort im Hebräischen gibt – Or, dann verstehen wir, dass es darauf ankommt, hinzuhören mit all den Bildern, die in unserer Seele leben, um wirklich zu empfinden, was in dem lebt, was gesagt werden will.

Wenn junge Israelis in der Natur leben, wenn ihr Ideal so sehr ist, das Land zu erleben, zu erwandern, mit dem Land zu leben, nah am Draußen, als Mensch ein Teil der Natur zu sein, so liegt darin auch eine unbewusste Sehnsucht nach der Belebung des Wortes. Die Bilder einer über Jahrhunderte nur im sakralen Zusammenhang genutzten, abstrakten Sprache schreien danach, mit Leben erfüllt zu werden. Und die Menschen möchten das Leben der Erde hautnah an sich heranlassen, um WORT zu erleben, Wirkenskraft. Was bei uns in Europa nur wenige Pfadfindergruppen vielleicht noch als Qualität anstreben, erfasst hier einen großen Teil der jungen und auch der nicht mehr ganz so jungen Bevölkerung, wird zum Ideal erhoben gerade in aufgeklärten und „humanistischen“ Kreisen, aber auch bis zum paramilitärischen Jugendideal der staatstragenden Jugendbewegungen, denen die meisten jungen Leute angehören: Nimmt die Natur dieses Landes mich auf? Kann ich erleben, was diese Erde ist? Kann ich es schaffen als Mensch – vielleicht sogar allein? – in der Natur zu überleben? Kann ich mein Leben von Grund auf selbst aufbauen?

In der Folge dieser Bestrebung hat ein anderer globaler Trend in Israel in den letzten Jahrzehnten Auftrieb erhalten: Die grüne, ökologische Bewegung, die jetzt konsequent auch die Folgen einbezieht, die das Leben des Menschen in der Natur unweigerlich mit sich bringt. Die Frage der Zukunft beinhaltet alles, was mein Leben an zum Teil unwiderruflichen Schadenswirkungen verursacht. Wohin geht mein Müll, wenn ich am Strand oder im Wald campe? Qualitativ gibt es in der Naturbewegung große Unterschiede im Lande – die große Mehrheit bringt viel Müll mit in die Natur und schert sich wenig um ihre Hinterlassenschaften. Die Naturschutzbewegung hat viel zu tun mit der Umwelterziehung der naturbegeisterten Großstädter, die mit viel Plastik ihre Picknicks und Grillfeste im Freien feiern, aber in einer Mentalität von „nach uns die Sintflut“ leben, einer Sintflut, die ja versprochenerweise nicht kommen wird, um alles hinwegzuschwemmen… Kloputzen war schon immer der Prüfstein jedes Jugendlagers…

Eine besondere Stellung nimmt in diesem Kampf die arabische Bevölkerung ein, die ja bis vor Kurzem noch mit Materialien lebte, die man bedenkenlos in der Natur hinterlassen konnte, weil sie im Klima des Landes nach kürzester Zeit verwesten. Noch vor zwanzig Jahren gab es meist keinerlei Bewusstsein davon, dass alte Autos, Getränkedosen oder Plastikplanen nicht von der Natur aufgenommen werden wie tote Tiere, Obstschalen oder Baumwollfetzen. Heute ist das anders geworden. Vereinfacht gesagt: Zuerst war die ursprüngliche Gemeinschaft des Menschen mit der Natur, dann kam mit der Entfremdung die Vermüllung, und mit dem steigendem Bewusstsein für die Verantwortung des Menschen für die Erde entsteht langsam vielleicht eine liebevolle Beziehung zur Umwelt. Der Weg ist stellenweise noch sehr weit, aber die meisten sind sich bewusst, dass sie ihn gehen müssen. Ein globales Problem, zugespitzt in einem kleinen, konfliktgeladenen Land…

Doch zurück zur Bilderwelt. Die Belebung des Verhältnisses zur Natur, zur Erde als lebendigem Organismus, war von Anfang an ein wunderbarer Ansatzpunkt für die Waldorfpädagogik im Lande. Wieder einmal ist eine überall auftauchende Frage in diesem Land bis zur Überdeutlichkeit zugespitzt: Wollen wir Abstraktlinge werden, die durch ihre Entfremdung von unseren Lebensgrundlagen unempfindlich sind gegen den Schaden, den wir mit unserem Lebensstil anrichten? Oder können wir durch gezieltes Lernen an der Natur unser Verhältnis zum Leben auf der Erde heilen? Können wir die Bilder verstehen, die uns überall umgeben, uns etwas zeigen von den Folgen unseres Eingreifens in die Prozesse der Natur?

Das Erleben der Natur, die realen Bilder des Lebens mit den Elementen, mit Tag und Nacht, mit Hitze und Kälte, mit Wasser und Wüste führen gerade in diesem Lande unmittelbar zur Spiritualität, zu einem Empfinden für die Verantwortung des Menschen für seinen inneren Weg, der dann das Verhältnis zur Außenwelt bestimmt. Und dieser innere Weg, in Freiheit gefunden, ermahnt uns, Verantwortung zu übernehmen füreinander und die gedeihliche Weiterentwicklung unseres Planeten.

Die Geschichte des Kibbuz Harduf

Es waren sehr junge Menschen, die den Kibbuz Harduf Anfang der 80er Jahre begründeten. Es war die Zeit des spirituellen Suchens im Auslauf der 68er, die Zeit der ökologischen Bewegung. Die jungen Leute waren sich zum Teil schon in der Schulzeit oder beim Militär begegnet. Die spirituelle Gemeinschaft in Findhorn, Schottland, war für manche Zwischenstation, dann die Anthroposophie, die elementare Begegnung mit der Kraft des Auferstehens, spirituelle Erlebnisse in der Gruppe… 1980 wurde die erste Gemeinschaft gegründet in Mitzpe Lavon, im „Adlernest“ in den Bergen des oberen Galiläa, 1982 zog man dann als Kibbuz nach Harduf, begann für die Landwirtschaft Steine von den Feldern zu sammeln und sich abwechselnd zur Ausbildung nach Europa zu begeben – Ausbildungen und Studien in Pädagogik, Landwirtschaft, Sozialtherapie, verschiedenen Künsten und auch Zusatzausbildungen in antroposophischer Medizin für einige Ärzte, die dazu gestoßen waren. So entstand die kleine Gemeinschaft, die inzwischen eine große geworden ist – aus zwölf Erwachsenen und ihren Kindern wurde der Ort Harduf, in dem heute über 500 Menschen wohnen. Aber was bedeutet hier überhaupt Gemeinschaft?

Gemeinschaftsbildung

Wenn ich sage, dass ich Priester der Christengemeinschaft bin, führt das hier im Lande immer wieder zu kuriosen Erwartungen: Viele Israelis gehen zunächst davon aus, dass wir in meiner Gemeinde zusammen wohnen und wirtschaften, dass wir gemeinsam eine Siedlung aufbauen, ein Gemeinschaftsleben auf allen Gebieten pflegen, alles miteinander teilen…

Gemeinschaftsbildung ist ein Thema in diesem Lande, das in seiner Bedeutung weit über das hinausgeht, was wir in Europa unter dem Begriff verstehen. Und dabei haben wir es meist mit zwei Extremen zu tun:

Da ist auf der einen Seite die traditionelle arabische Gesellschaft, die in großen Teilen auch heute noch in höchstem Maße vom Stammes- und Clan-Denken beeinflusst ist. Der Einzelne hat wenig Einfluss darauf, in welcher Art von Gemeinschaft er leben möchte – es sei denn, er verlässt seinen angestammten Familienzusammenhang in aller Deutlichkeit. Das ist aber schon aus Respekt vor den Eltern und aus menschlicher Fürsorglichkeit, aus einem liebegetragenen Verantwortungsgefühl nur schwer möglich. Ganz ähnlich geht es übrigens in den jüdisch-orthodoxen Gemeinden zu.

Bei unseren Jugendbegegnungen ist die Erfahrung des Eingebundenseins in den Familienzusammenhang vor allem in der arabischen Bevölkerung mit allen schönen Seiten und auch allen Einschränkungen für die europäischen Teilnehmer oft eine eindrückliche Erfahrung. Besonders die Frage der Partnerwahl und die Frage nach der weltanschaulichen Freiheit berührt die europäischen Teilnehmer sehr und wirft viele Fragen auf.

Auf der anderen Seite steht das Modell des modernen säkularen Israelis, dessen Vorfahren oft allein und losgelöst aus allen familiären Bindungen ins Land kamen, und die ganz neuen Gemeinschaften aufbauen mussten – um zu überleben, sich zu schützen, nicht allein in der Welt zu stehen. Aus verschiedenen Weltgegenden kommend suchten sie oft Gleichgesinnte, Gefährten mit ähnlichen Hintergründen, und schufen neue Gemeinschaftsformen, wie den Kibbuz oder den Moschav, eine mehr auf Kooperation angelegte landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft. Und wenn die Großstädte heute selbstverständlich auch das einsame Dasein des modernen Individualisten oder die Vereinsamung in der Masse ermöglichen – der Grundgedanke der jüdisch-israelischen Gesellschaft ist immer noch die Zugehörigkeit zu einer Gruppe – ob es sich um eine religiöse Gebetsschule, einen Kibbuz oder eine politische Partei handelt.

Einer der ersten Eindrücke im Lande war für mich, dass es auf dem Land so gut wie keine einzelstehenden Höfe oder Häuser gibt, dass alle Menschen einer traditionellen oder bewusst gegründeten Siedlung angehören, die wiederum oft eine bestimmte Ausrichtung hat und damit weitergehende Identifikationsmöglichkeiten bietet. Der Aufbau einer neuen Lebens-Gemeinschaft, gerade wenn es sich um einen Kibbuz handelt, ist staatlich subventioniert und damit viel einfacher als in den traditionell gewachsenen Strukturen Europas. Man versuche sich ein mal vorzustellen, welche Hürden zu überwinden wären, wollte man in Deutschland eine Gemeinschaftssiedlung gleich dem erst 1982 gegründeten Kibbutz Harduf aufbauen… Wo findet man das zusammenhängende Land, die Mittel es zu kaufen, das Geld zum Bau der Wohnhäuser und Einrichtungen? Selbst die größeren der heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Dorfgemeinschaften in meinem Umfeld am Bodensee sind klein gegen ein solches Unterfangen.

Was ist eine Gemeinschaft? Wie viel Gemeinsamkeit? Müssen gewisse Grundüberzeugungen geteilte werden? Wie sehr ist der Einzelne wirtschaftlich eingebunden, wie weit geht die Solidarität, das Einstehen füreinander? Wie überwindet man Krisen? Wie viel Individualität verträgt die Gemeinschaft? Wie erhält man ihre Grundlagen? Den Idealismus, der die Gründung prägte?

Es zeigt sich an den vielfältigen Variationen des Scheiterns der neuen Gemeinschaften wie auch an ihren durchaus erfolgreichen Seiten, dass auch eine „neue“ Gemeinschaft schnell alt wird – nämlich in dem Maße als die tragenden Kräfte nur noch aus einem Impuls kommen, der inzwischen Vergangenheit geworden ist. Die erste Generation ist vom Idealismus und der Faszination des Neuen beflügelt, schon in der zweiten wird es schwieriger mit der Verantwortlichkeit gegenüber dem Gemeinwohl, und die dritte Generation ist selten überhaupt noch bereit, die Gemeinschaft zu tragen…

Der allmähliche Niedergang des Erfolgsmodells Kibbuz, der heute vielleicht weniger auffällig ist als noch vor zwanzig Jahren, weil man sich mit der Verbürgerlichung des Ideals längst abgefunden hat, schafft ein Bewusstsein für Fragen der Gemeinschaftsbildung, wie man es in Europa selten antrifft.

Was finden wir heute in Harduf? Die Waldorfschule ist die älteste im Lande, inzwischen groß und anerkannt, mit eigener Lehrerbildung und seit neuestem sogar einer Turnhalle. Das Therapiezentrum mit Gemeinschaftspraxis mehrerer Ärzte floriert und wird aus weitem Umkreis gesucht. Die Landwirtschaft versorgt Bioläden und die Molkerei sogar Supermärkte im ganzen Land. Drei sozialtherapeutische Einrichtungen arbeiten mit viel Elan in kleinen Therapie- und Wohngruppen – für erwachsene Menschen mit Behinderungen, für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, für psychisch Kranke, insbesondere Trauma-Opfer. Der Naturkostladen und der Gemüsemarkt ziehen Kunden aus einem weiten Umfeld an… Eine Theaterschule, verschiedene Ansätze zur Eurythmie-Ausbildung, die berufsbegleitende Lehrerbildung, speziell auch für arabische Lehrer, denn inzwischen gibt es im Umfeld nicht nur einige neue hebräisch-sprachige sondern auch eine arabische und eine zweisprachige Schule. Ein anthroposophisches Grundbildungsjahr versucht zu vermitteln, woher der Impuls kommt, der das alles ermöglicht – und wie er gepflegt werden kann…

Sha‘ar laAdam – Bab l‘il Insan

Am Ende unseres Rundgangs machen wir einen kleinen Waldspaziergang. Jenseits der Schule, des Kuhstalls und des Swimmingpools (den es noch nicht lange gibt…), liegt das Waldstück, auf dem die Arbeit der Begegnungsstätte Sha‘ar laAdam – Bab l‘il Insan ihr Zentrum hat. Hier treffen wir Amin Sawa‘ed und einige der jungen Menschen, die hier inzwischen mehr oder weniger durchgehend leben.
Innerhalb des Kibbuz Harduf nimmt diese Initiative eine besondere Stellung ein. Mit der Begegnung einzelner Akteure auf der Weltlehrertagung 1992 in Dornach und meiner ersten Reise 1993, mit den daraus resultierenden Konfirmationsreisen meiner Kinder, den Jugendreisen, die sich wiederum daraus ergaben, ist die mitteleuropäische Seite der Geschichte erzählt. Hier der erste Pressebericht von 1997 über diese Arbeit und ihren Ansatz:

Jugendlager im Kibbuz Harduf 1998
Bauprojekt mit Zukunftsperspektiven

Sind Israelreisende nicht ganz einfach moderne Kreuzfahrer, die im Äußeren etwas suchen, was es jedenfalls so dort gar nicht mehr gibt? Kann man in diesem ganz jüdisch geprägten Staat etwas spezifisch Christliches finden? Ist es nicht eher ziemlich deprimierend, die Stätten des Urchristentums aufzusuchen und dort nur Kitsch und Tand zu finden? Ist alles Spirituelle im Land nicht völlig überdeckt von einer westlich orientierten Lebensart, von politischen Spannungen und vom Massentourismus? Lohnt es sich überhaupt noch dorthin zu reisen? Und was ist es, das besonders junge Menschen mit einer so tiefgreifenden Sehnsucht erfüllt, dieses Land – trotz allem – kennenzulernen?

Vielfältige Beobachtungen kann man machen, wenn man mit Jugendlichen eine solche Reise wagt. Zunächst wird bei allen schon im Vorfeld des Unternehmens die gewohnte Lebenssicherheit mehr oder weniger erschüttert. Eine gewisse Bereitschaft, Unsicherheit zu ertragen, muss man schon aufbringen. Aber ist das nicht eigentlich nur ein gradueller Unterschied zu dem alltäglichen Lebensrisiko, das man sich nur nicht bewusst macht? Eigentlich ist man doch nie gegen plötzliche Schicksalsschläge abgesichert. Gottvertrauen, Schicksalsvertrauen, ist angesagt, was den Jugendlichen meist leichter fällt als ihren Eltern und anderen Erwachsenen.

Im Lande selbst trifft man in der Begegnung mit den Menschen auf zahlreiche Probleme, die man selbst auch hat, aber noch nicht so deutlich erkennt. Wie gestaltet sich ein Leben am Rande des Abgrundes? Wie geht man mit der Verschiedenartigkeit der Menschen, der Kulturen, der Weltanschauungen um, denen man täglich begegnet? Wie belebt man Traditionen mit dem, was wirklich Zeitgeist ist? Es ist immer wieder bewegend zu erleben, wie viel deutlicher diese Fragen in der Begegnung mit den Widersprüchen dieses Landes jedem jungen Menschen werden. Insofern ist jede Israelreise eine kräftige Inkarnationshilfe für vermeintlich satte und zufriedene junge Europäer.

Wie sich die Begegnung mit dem Christentum vollzieht, ist schwerer zu beschreiben. Deutlich wird es den jungen Leuten bald, dass die äußeren Gedenkstätten meist katholischer Prägung nicht das
bieten, was sie suchen wollten oder vielleicht ganz naiv vermuteten auch ohne größeres Suchen zu finden. Vielleicht beeindruckt hier und da noch die Frömmigkeit der Pilger aus aller Welt, aber oft ist sie auch als Begegnung mit “Kirchenchristen” eine weitere Quelle der Desillusionierung. Aber gerade durch diese Ent-Täuschung wird eine andere Art der Wirklichkeit deutlich: Was müsste man selbst mitbringen, um Christus (auch) hier zu erleben? Was muss ich in mir tragen an lebendigem Christentum, damit ich an der äußeren Natur etwas erleben kann? Und was macht diesen Fleck Erde trotzdem auch für mich nachvollziehbar zum Kristallisationspunkt der Menschenentwicklung? Im Erleben der Polaritäten in der Natur, der Höhen und Tiefen, der Sümpfe und Wüsten, der Nähe zu allen anderen Kulturen wird dies unmittelbar erlebt.

Die Begegnung mit dem Judentum in seinen spirituelleren Formen verdeutlicht die Rolle dieses Volkes auf dem Wege zur Menschwerdung des Menschen. Und darauf folgt die Frage – und was ist daraus geworden? Wo man Menschen begegnen kann, die auf dieser Grundlage die Auferstehungskraft in sich erleben und ihre Lebensarbeit damit verbinden, wird das wahre aber verborgene Christentum unserer Zeit deutlicher als bei manchen der traditionellen Kirchenoffiziellen, die äußere Heiligtümer hüten. Gerade bei den anthroposophischen Freunden in Israel erleben die jungen Menschen unausgesprochenes menschheitliches, unkonfessionelles Christentum in einer in Europa selten zu erlebenden Ehrlichkeit und Ursprünglichkeit, die sich auf keinerlei Traditionen abstützen kann.

Ein anderer Aspekt ist noch schwerer in Worte zu fassen: Viele der jungen Menschen fühlen sich der Kultur, der sie in Israel begegnen, verwandt und nah, ohne dass sie genau sagen könnten warum. Obwohl sie Mitteleuropäer sind, liegt ihnen das Judentum am Herzen und sie erleben in der Begegnung mit den Menschen hier, die ja oft selbst europäische Wurzeln haben, eine Art Schicksalserfüllung, die in ihrem Leben eine heilende Rolle zu spielen beginnt. Interessanterweise geht es auch vielen jungen Israelis so – auch sie haben eine Sehnsucht nach der Begegnung mit Mitteleuropa, die sie den reisenden Jugendlichen gegenüber sehr aufgeschlossen macht. Vielleicht darf man unter diesem Eindruck auch ganz vorsichtig die Frage bewegen, welcher Art die Schicksalsfäden sind, die durch die Ereignisse um den Zweiten Weltkrieg und die Shoa zerschnitten wurden und in vielen einzelnen Menschenschicksalen noch auf eine Wiederverbindung warten?

1996 gab es aus der Oldenburger Gemeinde das erste Jugendlager. Und so ging es dann weiter mit fast jährlich stattfindenden Jugendbegegnungen. Bis heute haben etwa 270 deutsche/europäische Teilnehmer an diesen Projekten teilgenommen. 2004 gab es ein erstes Begegnungscamp in Deutschland, zu dem arabische und jüdische Teilnehmer gemeinsam anreiste, seit 2009 gibt es die Theaterbegegnungen. Die Reisen mit Erwachsenen kamen erst viel später – ab 2008 die Studienreisen, ab 2009 die Friedensübungswochen, die vor allem auch Menschen aus Osteuropa ansprechen konnten. Wie viele individuelle Schicksalsimpulse sind damit ermöglicht worden?
Die zweite Seite des Begegnungsimpulses haben wir in der Geschichte des Sawa‘ed-Dorfes schon gestreift, als es um die Offenheit der jungen Gründer des Kibbuz gegenüber den Beduinen ging: Immer schon stellte sich im Ansatz der Menschen, die den Gründungsimpuls fassten, die Frage nach den Beziehungen des Kibbuz Harduf zu seinen arabischen Nachbarn als ein besonderes Aufgabenfeld, dessen man sich auf vielen einzelnen Lebensgebieten annahm, das aber mit der Zeit einen Ort brauchte, der diese Beziehungen zu seiner Hauptaufgabe macht.
Und drittens ist die Frage nach der Beziehung zu den jüdischen Nachbarn in Harduf, diesem Fremdkörper in arabischem Siedlungsgebiet, auch für die arabischen Menschen im Umfeld immer eine brennende gewesen, besonders für diejenigen, die durch erste Kontakte neue Impulse in ihr Leben aufnahmen. Wie kann sich eine Beziehung auf Augenhöhe entwickeln, in der wir voneinander lernen? Was hat die arabische Seite zu geben?

Ein Keim der Hoffnung in Galiläa
Bericht von der Konferenz in unserem Wald (2002)

Während etwa vierzig Menschen unterschiedlichster Herkunft in einem Kreis um ein Feuer sitzen und darüber reden, was für sie Menschsein in dieser desolaten politischen Situation bedeutet, dröhnen über uns die Düsenjäger auf dem Weg zur libanesischen Grenze. Es ist Freitagmittag. Von allen Hügeln um Harduf erschallen die Mittagspredigten von den Minaretten der Moscheen. Zwischendurch klingelt immer wieder hier und da ein Handy: Menschen, die sich nach dem Weg erkundigen. Unser Treffen ist nicht einfach zu finden. In einem Wald (20 Dunam hat der Kibbuz Harduf unserer Initiative zur Verfügung gestellt) mit schwierigen Zufahrtswegen, durch die heftigen Regenfälle der letzten Zeit fast unpassierbar.

Hier haben wir am Tag zuvor einen runden Platz gerodet und geebnet, eine Feuerstelle mit Steinen gesichert und mit Stroh und Matten dafür gesorgt, dass wir hier sitzen können.

Im Heiligen Land herrscht Krieg. Ein Teufelskreis der Gewalt reißt die im Lande wohnenden Menschen unterschiedlicher Völker und Religionen in eine sich unausweichlich verbreitende Stimmung von Angst, Resignation und Hoffnungslosigkeit. Jeder, der die komplizierten Verhältnisse auch nur ein wenig kennt, weiss, dass es kein Schwarz und Weiss, keine Guten und Bösen gibt, und dass jede vermeintlich einfache Lösung nur Teil- und Scheinwirklichkeiten erfasst, weil sie aus Vereinfachungen besteht, wie sie aus der Ferne zu den tatsächlichen Gegebenheiten, aus der Blindheit gegenüber der Komplexität des Geschehens, nur zu leicht entstehen. Auch vielen Menschen im Lande selbst ist es unerträglich, mit dem Sowohl-Als-Auch leben zu müssen, und so flüchtet man sich in die Extreme, die Einseitigkeiten, die Besserwisserei – oder den Rückzug ins Private, der angesichts der immer näher rückenden Bedrohungen auf allen Seiten immer weniger gelingen will.

Wo bleibt in alledem der Mensch?

Diese alles entscheidende Frage stand im Zentrum einer ganz besonderen Wochenendtagung, die am ersten Aprilwochenende in Galiläa insgesamt etwa 150 Menschen – christliche und muslimische Araber, Juden und Christen aus Galiläa und Europa – tief bewegte. An dem Ort, an dem einmal das Galiläische Zentrum für Gemeinschaftskultur Sha‘ar laAdam – Bab l‘il Insan („Tor zum Menschen“) entstehen soll, in einem Kiefernwald zwischen dem anthroposophischen Kibbuz Harduf und dem arabischen Dorf Ka‘abiya, trafen wir uns, um einen Anfang zu machen und ein Zeichen zu setzen mit Gesprächen zur Lage, mit künstlerischen Aktivitäten, Bothmer-Gymnastik, Landschaftsgestaltung, Theater vom Feinsten aus der Theater-Schule in Harduf, Musik aus allen Kulturen.

Merkwürdig konnte es berühren, dass der erste Keim zu diesem Ereignis vor sieben Jahren entstand, als im fernen Deutschland der Jugendkreis der Oldenburger Gemeinde der Christengemeinschaft anlässlich der Vorbereitungen zu einer Reise nach Israel zum ersten Mal den Gedanken an den Aufbau einer Art Kulturbegegnungsstätte im Kibbuz Harduf fasste. Zunächst war an eine Art Jugendunterkunft gedacht für Sommerlager und Klassenreisen aus Europa. Im Laufe der Jahre verwandelte sich die Idee, als klar wurde, wie viel Begegnung durch die Sommerlager der Christengemeinschaft nicht nur für uns möglich wurde: Die unbefangene Offenheit der Außenstehenden aus Europa wurde auch für die Menschen aus den verschiedenen Kulturen vor Ort zu einer Quelle neuen Interesses und Verständnisses füreinander.

Es entstand eine kleine Arbeitsgruppe von Initiatoren – federführend Ya‘akov Arnan, der Leiter der Schule für Theater und Drama in Harduf (damals außerdem noch als Offizier für die psychologisch-ethische Betreuung von Soldaten in den Westbanks zuständig), Amin Sawa‘ed, der älteste Sohn des Muchtars des Beduinenstammes der Sawa‘ed, ausgebildet in Harduf, am Emerson College in England und am Bothmer-Seminar in Stuttgart, heute Lehrer an der Waldorfschule in Harduf, und Ilse Wellershoff-Schuur, damals noch Studentin am Priesterseminar, dann Pfarrerin in Hannover. In Deutschland wurde ein Förderverein gegründet; und regelmäßig gab es Sommerlager mit Bauprojekten im Kibbuz oder im Beduinendorf. …

In Galiläa stößt unser Projekt inzwischen auf reges Interesse. Es gibt zwar in Israel einige Begegnungs- und Friedensstätten, in denen der Dialog gefördert und gegenseitiges Verständnis der Bevölkerungsgruppen füreinander geübt wird. Nirgends sind sie aber so sehr „von unten her“, von den betroffenen Menschen einer bestimmten Region, entstanden. Bei uns sind es auch nicht so sehr die Unterschiede, die im Mittelpunkt stehen, sondern das gemeinsame Lernen am Menschsein in der Begegnung. Gerade die Tatsache, dass die Beschäftigung mit dem Menschenbild und damit das spirituelle und religiöse Element in unserem Projekt einen so wichtigen und doch ganz neuen Platz einnimmt, wird aufgenommen, wie wenn ein ausgetrockneter Garten nach langer Dürre das erste Mal gegossen wird. So wurde auf der Tagung sehr dankbar und vorurteilslos begrüßt, dass eine Priesterin dabei war, die aus einer Kirche kommt, die keiner Religion die Daseinsberechtigung abspricht und Respekt hat vor dem geistig-individuellen Weg des einzelnen Menschen.

Oft stehen die Menschen im Lande ja nur vor der Wahl, sich vom religiösen Leben ganz abzuwenden oder einen Weg zu wählen, der der Entwicklung des Individuums kaum noch gerecht wird. Das gilt im Judentum genauso wie im Islam und sogar in den doch sehr „alt“ wirkenden christlichen Konfessionen im Lande. Wie kann sich das Suchen des Menschen nach einer zeitgemäßen Verbindung zum Geistigen in der Welt da noch entfalten? Aber in der Abwendung von allem Spirituellen lauert die Gefahr der Verflachung, die oft sehr deutlich gesehen wird, und das wiederum führt dazu, dass die strengen Glaubensformen mit ihrem einfachen Weltbild und ihren radikalisierenden Tendenzen auch einen gewissen Zulauf haben.

Die Erfahrung, dass in der Suche nach dem Menschen, seiner Heimat und seinem Ziel in der göttlich-geistigen Welt eigentlich der Keim zu einer neuen Sinnerfüllung liegt, wurde auf der Tagung in wunderbaren Worten und Bildern von vielen Menschen zum Ausdruck gebracht, die zum Teil von Anthroposophie und Christengemeinschaft noch nie etwas gehört hatten, und deren Erfahrungen mit Christentum bis dato viel „enger“ waren.

Auf Hilfe aus einem breiten Freundeskreis sind wir bei der Umsetzung unseres Projektes sehr angewiesen. Jeder noch so kleine, aber wenn möglich regelmäßige Beitrag hilft uns, gerade am Anfang, die Arbeit auf eine gute Art in Gang zu bringen. Unsere Beteiligung ist ein Zeichen dafür, dass uns in Mitteleuropa der Friede im Heiligen Land und die Menschen vor Ort , deren Leben zur Zeit nicht viele Hoffnungen bereithält, nicht gleichgültig sind. Wir haben keine Illusionen darüber, dass es in Galiläa vielleicht nur darum geht, weiteren Verhärtungen entgegenzuwirken, aber wie es ein Teilnehmer der Tagung sagte: „Und wenn morgen diese ganze Region in einem schrecklichen Krieg ausgelöscht würde – diesen Samen der Menschlichkeit wird jeder von uns überall hin mit sich weitertragen…“

Frühling 2004

In Harduf wird viel gebaut. Rasant wächst die kleine Siedlung. Eltern möchten in der Nähe der Schule wohnen. Ein friedlicher Ort mit einem guten Ruf, viel kulturellem Leben, Ansätzen zu einer ganz neuen Lebensart. Vor zehn Jahren noch eine verschworene Gemeinschaft, heute eine weltoffene, pluralistische Siedlung, entstanden aus einer Initiative von weniger Anthroposophen, von einem aktiven Geistesleben geprägt, viel praktische Arbeit auf allen Lebensgebieten…

Jeden Donnerstag treffen sich im Wald von Sha‘ar laAdam/Bab l’il Insan Elftklässler aus der Waldorfschule und der Oberschule im benachbarten arabischen Ort Zarazir zu gemeinsamer Arbeit. Auch die Sechstklässler treffen sich regelmäßig mit Altersgenossen aus der Grundschule im Nachbardorf Ka‘abiya. Jugendleiter regen an, sich in Arbeit, Spiel und bei einer gemeinsamen Mahlzeit besser kennen zu lernen. So ist im Wald schon einiges entstanden, und der Ort wird viel genutzt: Für gemeinsame Feiern zu den Jahreszeitenfesten, als Ausflugsziel von Schulklassen, Gruppen und Familien, wo man dann manchmal eben tatsächlich anderen Schulklassen, Gruppen, Familien begegnet…

Die Initiativträger treffen sich jeden Mittwoch: Ya‘akov, der Leiter der Schauspielschule in Harduf, Amin, Sportlehrer an der Waldorfschule und Kinderolympiadenaktivist aus dem Sawa‘ed­Dorf, Mu‘afak, Tischler aus der arabischen Kleinstadt Shfaram, Pamela und Zadik, Rechtsanwälte aus Harduf, sie jüdisch­amerikanisch, er muslimisch­arabisch, Amira und Omar, die Bewegungsmitarbeiter, ein arabischer Kinderarzt, und manche andere, die vielleicht gerade nicht da waren, als ich dabei sein konnte. Man spürt, dass sie eine Gemeinschaft sind. Allein das ist ein Erfolg der Initiative – dass jüdische und arabische Israelis so vertrauensvoll zu zusammenarbeiten. Das ist bekannt überall in der Region, und viele Menschen schauen voller Hoffnung auf solche „Post­Apartheid­Phänomene“. Aber ist es schon so weit?

Wir sprechen über den Stand der Dinge, die Zukunftspläne – eine Jugendleiterschule zum Beispiel, an der man einen alternativen Wehrdienst ableisten können soll – als jüdischer wie als arabischer Israeli. Über die Sommerpläne auch, in Hannover wie in Harduf. Wie immer müssen wir flexibel sein, unsere Pläne an die sich entwickelnden Realitäten anpassen. Wir freuen uns auf den Sommer.

Am Anfang der Pessach­Ferien gibt es ein dreitägiges Seminar zu Fragen der religiösen Erneuerung, das der Anlass meiner Reise ist. Nach der Veröffentlichung eines Artikels zu „Religion und Gemeinschaftsbildung“ in der anthroposophischen Quartalszeitschrift Israels hatte man mich darum gebeten, als Pfarrerin der Christengemeinschaft einige Studientage mitzumachen.

Eingeladen waren Interessenten aus allen Landesteilen, die sich neben ihrem Engagement in der anthroposophischen Bewegung auch mit Fragen der Religion und ihrer Bedeutung für das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft beschäftigen wollen: zwölf spannende Persönlichkeiten – von der Lehrerin bis zum Psychiater, vom IT­Spezialisten (der gerade noch auf der CeBit in Hannover gewesen war…) über den Erfinder, den Heilpädagogen, mehrere Eurythmisten und andere Künstler zur Juristin… Eine so unvoreingenommene, gebildete und anspruchsvolle Gruppe hatte ich noch nie in einem „Einführungskurs“! Nach der Menschenweihehandlung (um 7 Uhr – was man macht, das macht man hier gründlich…) am Morgen ging es vormittags um grundlegende Fragen, nachmittags um die Sakramente im Lebenslauf (und da berührt man dann das ganze Leben – Religionspädagogik, Jugendarbeit, Ehekunde und ­seelsorge, Fragen der Berufswahl, der Pastoralmedizin, der Lebensberatung, der Institutionalisierung der religiösen Gemeinschaften, der Sterbebegleitung, des Lebens mit den Verstorbenen, Selbstmord, und vieles mehr…). An den Abenden Fragestunde und ein Abschluss am Altar mit kurzer Predigt. Erfüllende Tage. Wohin wird diese Arbeit uns führen? Jedenfalls freuen wir uns auch in dieser Beziehung auf den Sommer.

Sha‘ar laAdam – Bab l‘ilInsan – 2005

Vor drei Jahren war hier nichts als ein Stück Kiefernwald, ein steiniger Hang hoch über dem Zippori­Tal. Aber damals, kurz nach dem Ausbruch der zweiten Intifada, wurde in drei Tagen überwältigender Menschlichkeit ein Same gelegt zu dem, der auch jetzt höchstens zum Keim herangewachsen ist. Das Gegenteil aller sonstigen Entwicklungen in diesem schnell wachsenden, kunstgedüngten Land.

Und doch – der Mittelpunkt dieses besonderen Ortes ist ein ebener, kreisrunder Steinplatz, etwa fünfzehn Meter im Durchmesser, in jahrelanger Handarbeit aus dem felsigen, bewachsenen Terrain geschaffen. Eingefasst mit einer etwas über einen Meter dicken, sitzbequemen Mauer aus Natursteinen. In der Mitte ein Feuerplatz. Darüber ein halber Ikosaeder aus Holzstangen, an dem ein loses Leinen­Zeltdach befestigt ist. Die hölzerne Freiluftbühne, die am Hang klebt, hat einen Schuppen bekommen, in dem eine Küche und etwas Stauraum untergebracht sind. Der kleine Garten wird inzwischen nicht nur mit Blumen sondern auch mit etwas Gemüse und Kräutern kultiviert. Drei runde Schlafzelte gibt es, in unterschiedlicher Größe und Ausstattung, das komfortabelste hat einen Ofen, Lehmfußboden, Teppiche und Matratzen, und ist mit einer Extraschicht aus Dattelpalmenblättern fast winterfest isoliert. Des weiteren Naturklos, Wasser aus dem fest installierten Schlauch an Waschbecken und Dusche, ein Backofen, viele Sitz­ und Arbeitsplätze mit Tischen aus Kabelrollen… ein einzelner Olivenbaum versucht, die Monokultur des Kiefernwaldes zu beleben. Er muss noch gut geschützt werden. Das sagt alles.

Wie die Steine, die Johannes uns gelehrt hat, auf die Spitze zu stellen. Von selbst geht nichts. Aber mit Geduld und unermüdlichem Feingefühl kann das Unmögliche möglich werden.

Mensch und Natur – das ist hier das zweite Thema geworden. Langsam, fast unmerklich, verändert sich alles. Kompromissbereitschaft ist gefordert. Wer seinen Willen durchsetzen will, beißt auf Kalksandstein… Wer kultivieren will, muss vom fundamentalistischen „back to nature“ abweichen. Andererseits: Wer zuviel hat, wird ausgeräubert. Im Wald schlafen kann nur, wer nicht mehr Ballast mit sich führt, als er bequem tragen kann. Die Matratzen sind deutlich nicht für die Ewigkeit angeschafft worden. Sie werden benutzt und sind schon fast verschlissen. Ob jemand bis zum Sommer neue spendet? Inshallah…

Schade, dass ich zu alt bin für diesen einfachen, friedlichen Lebensstil… oder ist das nur eine Entschuldigung für meine Bequemlichkeit? Und: Schade, dass unsere Art von Gottesdienst fast unweigerlich etwas mehr Kultur fordert. Kultur, die als Gegenpol des bisher hier Gewordenen auch Ya‘akov, unserem Partner von der Theaterschule, wichtig ist. Daher die Bühne, Parsifal, Peer Gynt… Und daher sein dringlicher Wunsch nach einem ersten Steinhaus für die Kapelle, das Haus des Gebetes…
Ich träume von dieser Kapelle im Wald. Im Mittelpunkt des Ortes – der Mensch.

Ein Haus des Gebetes im Heiligen Land – 2006

Es ist Abend in Galiläa. In diesen Oktobertagen wird es früh dunkel, denn die Uhren sind schon auf Normalzeit zurückgestellt. Um kurz nach fünf ruft der Muezzin das Ende des Fastens aus. Es ist Zeit für das iftar, das tägliche Fastenbrechen. Im Ramadan wird jeden Tag gefastet, solange die Sonne am Himmel steht. Die Mahlzeit, die dann folgt, ist ein soziales Ereignis, das in den unterschiedlichsten Konstellationen begangen wird – in der Großfamilie, in Arbeitskollegien, unter den Kindergarteneltern… an jedem Tag isst man mit anderen Menschen zusammen. Und so hat dieser Monat etwas sehr festliches – das iftar isst niemand allein, entweder man lädt ein oder man ist eingeladen…

An diesem Abend essen etwa hundert Menschen gemeinsam. In der Begegnungsstätte Shaar laAdam – Bab l‘il Insan im Wald nahe dem Kibbuz Harduf feiern wir das Zusammenfallen dreier Feste: Dass das jüdische Laubhüttenfest Sukkot mit Michaeli zusammenfällt, ist nichts ungewöhnliches. Denn da der jüdische Kalender trotz seiner exakten Mond-Monate eigentlich ein Sonnenkalender ist, der die Unstimmigkeiten durch Schaltmonate ausgleicht, fällt Sukkot immer in die Herbsteszeit. Der Ramadan dagegen wandert durch das Jahr, denn der islamische Kalender ist ein reiner Mondenkalender. Im nächsten Jahr wird der Ramadan etwa zwei Wochen früher beginnen. In diesem Jahr feiern Juden und Muslime gleichzeitig, und dass außerdem noch Michaeli ist, verleiht diesem Fest, zu dem wir als Initiatoren der Begegnungsstätte geladen haben, den übergeordneten Sinn. Es ist ein menschheitliches Fest, das hier gefeiert wird, und im Wahrnehmen all dessen, was bei den Menschen der verschiedensten Volksgruppen, Religionenen, Traditionen und Kulturen lebendig ist, werden auch Aspekte des Michaelsfestes neu beleuchtet. Wie trägt der Ramadan mit seinem Element der Willensschulung dazu bei, den Menschen vorzubereiten auf die Aufgaben, die anstehen? Erfahren wir im Laubhüttenfest nicht täglich, dass unsere irdische Heimat nur eine vorübergehende ist?

Fragen wie diesen wollten wir auf die Spur kommen, wenige Wochen nach dem Ende des Libanonkrieges, in einem Treffen unter dem Thema „Religion und Krieg“. Eigentlich hätte es heißen sollen: „Religion und Frieden“, aber das war einigen der Planer so unmittelbar nach dem Krieg zu watteweich. Hatten sie nicht gerade einmal wieder erlebt, dass Religiosität zu Krieg führen muss? Wer sind denn in dieser Gegend die Falken, wer die Tauben? Gerade die vermeintlich „Religiösen“ schüren doch den Hass, egal ob militante Siedler, die davon ausgehen, dass das Heilige Land von Gott nur ihnen versprochen wurde, oder Gotteskrieger der Hamas oder Hisbollah, die im Namen des Islam das Land von den Ungläubigen befreien wollen.

Das erste, was die drei Religionsvertreter von Islam, Judentum und Christentum auf dem Podium feststellen mussten (denn nach der gemeinsamen Mahlzeit wurde erst einmal ausgiebig geredet, bevor es anschließend noch eine eindrucksvolle jüdisch-arabische Theaterproduktion zu sehen gab), war genau das Gegenteil des obigen, oft und gern von weltlich eingestellten Menschen geäußerten Vorurteils: Was die Fundamentalisten aller Art Religion nennen, ist eben meist nicht wirklich religiös. Sie berufen sich auf Gott, um Frustrationen und mangelndes Selbstwertgefühl zu überspielen. Ihr „Glaube“ besteht oft zum größten Teil aus dem Gefühl zu den „Guten“ zu gehören, die die Bösen vernichten müssen. Ein solcher Fundamentalismus zieht seine stärkste Legitimation aus der Überzeugung, dass Gott es so gewollt hat… Ein individueller Bezug zu Gott ist bei vielen Fundamentalisten ganz untergeordnet gegenüber der Bindung an die Gruppe, gegenüber der Tradition, der Volkszugehörigkeit.

Wirkliche Religion dagegen ist das individuelle Aufsuchen einer Verbindung zur göttlichen Welt. Was die drei Richtungen angeht, die hier miteinander im Gespräch waren, so ist eine gemeinsame Überzeugung die Schöpfung des Menschen als Gottes Bild, als eines Geschöpfes, das seinem Schöpfer nacheifern, ihm dienen, von ihm lernen, sich durch seine Hilfe entwickeln möchte. Shaar laAdam – Bab l‘il Insan, das heißt: Das Tor zum Menschen, zum Menschsein. Dieses Ziel eint die so verschiedenen Menschen, die sich hier treffen: Den jüdischen Gelehrten, den muslimischen Richter, den jungen israelischen Soldaten, die anthroposophischen Künstler, den arabisch-israelischen Rechtsanwalt, die Franziskanernonnen, den christlich-arabischen Initiator des „Hauses der Hoffnung“, den Regisseur, der um das neue Judentum kämpft, wie die Waldorflehrer, den Beduinensheikh oder die unterzeichnete Pfarrerin der Christengemeinschaft.

Unser großes Michaels-Laubhütten-Ramadan-Fest hatte neben dem Beginn des Gesprächs über religiöse Themen das Ziel, eine Initiative vorzustellen, für die alle Freunde der Begegnungsstätte gemeinsam eintreten wollen: Das Zentrum dieses besonderen Ortes in Galiläa soll ein Gebetshaus werden, das alle Menschen nutzen können, die es wichtig finden, dass das Göttliche im Menschen von der Verbindung zu seinem Ursprung lebt, egal ob wir Juden, Muslime, Drusen, Buddhisten (ja, denn auch die gibt es dort…), Freidenker oder Christen verschiedenster Konfessionen sind.

Dabei entsteht eine Geschichte zur Frage des interreligiösen Dialoges, die schon oft erzählt wurde, hier aber nicht fehlen darf:

Ein islamischer Rechtslehrer, ein jüdischer Militärgeistlicher, eine Pfarrerin der Christengemeinschaft. Dazu etwa hundert Zuhörer, Gesprächsteilnehmer aller Art, junge Leute aus dem Kibbuz, Beduinen aus den umliegenden arabischen Dörfern und aus der Stadt, Nonnen aus Nazareth, Künstler, Soldaten, Studenten, Kinder…
Am Schluss die Frage: Und jetzt, wo ihr euch so schön habt einigen können über all das Allgemeine, wüsste ich doch gern, wie ihr erklären könnt, dass es verschiedene Religionen gibt. Eine muss doch die richtige sein?
Der Muslim, dessen Antwort wir eigentlich auch alle kennen – Sure 5, Gott hat uns verschieden gemacht, damit wir voneinander lernen – lässt mir den Vortritt.
Also beschreibe ich den Augenblick:
Wie wir da um das Feuer sitzen, stehen, liegen, und es jeder aus einer anderen Richtung sehen.

Wie für den einen die Kaffeetassen im Vordergrund stehen, für den anderen die Teekanne hinter der das Feuer eingrenzenden Steinmauer nicht sichtbar ist.
Wie das Feuer von der einen Seite ziemlich heruntergebrannt aussieht, auf der anderen Seite noch hell lodert.

Wie es verschieden aussieht, je nachdem ob ich stehe oder unter der Sichtgrenze der Mauer liege. Ich müsste aufstehen, um etwas zu sehen.
Wie vielleicht sogar jemand mit dem Rücken zum Feuer sitzt und in den Wald schaut und sagt: Hier gibt es kein Feuer, ich sehe nichts. Und dabei gar nicht bemerkt, wie er vom Feuer gewärmt wird, und wie er den Wald nur sieht, weil das Feuer ihn erleuchtet.
So ist das mit dem Blick in den Himmel der göttlichen Welt…
Die Frage ist also nicht – wie sehe ich das Feuer? Die eigentliche Frage ist – wie pflege ich das Feuer? Denn ohne den Menschen wird es immer schwächer brennen… Und die Welt braucht Licht und Wärme…

Entworfen wurde das Haus von den Architekten Robert Lütjens und Gabriele Hübener aus Oldenburg. Sie fanden auf Anhieb die Form, mit der sich die Träger der Begegnungsstätte verbinden konnten, einen schlichten Raum, der sich auch zum Feiern der Menschenweihehandlung eignet, eine ovale Mauer, die die weiteren bescheidenen Innenräume birgt, und die zudem einen geschützten Innenhof als Vorraum umfasst. Ein Teil des Waldes heißt schon jetzt im internen Sprachgebrauch – das Gebetshaus.

Mit Hilfe verschiedener Projekte versuchen wir nun, das Geld für den Bau zusammenzubekommen. Das ist nicht einfach, denn es gibt keine „Gemeinde“, die das Geld sammeln und eventuelle Baudarlehen abzahlen könnte. Unser Verein, der Freundeskreis der Begegnungsstätte in Israel, braucht die kleinen Beiträge und Spenden für die vielen Initiativen, die dort stattfinden, damit die Menschen ein gesundes Miteinander entwickeln über die im Alltag oft unüberwindlichen, wenn auch äußerlich unsichtbaren Grenzen zwischen den Kulturen: Schulkinderprogramme, Frauengruppen, Sprachkurse, Theaterpädagogik für arabische Kinder und die Feste als Begegnungen der größeren Gemeinschaft.

2002 konnte ich hier das erste Mal von den noch ganz neuen Ideen berichten. Inzwischen ist viel passiert. Der Wald ist bereichert um eine gut ausgebaute Versammlungsstelle, die Freiluftbühne, feste Zelte, Versammlungsstätten, sanitäre Anlage, eine Küche, und die Kiefernmonokultur wird nicht nur von einem kleinen Gemüse- und Kräutergarten aufgelockert, sondern wir haben auch einige landestypische Bäume pflanzen können. Immer wieder haben unsere Jugend-Sommerlager zur Entwicklung des Ortes beitragen können. In diesem Jahr war zur geplanten Reisezeit Krieg. Die Hoffnungen auf einen Frieden von außen sind minimal geworden in der Region. Überall breitet sich Frustration aus, Hoffnungslosigkeit, die einen guten Nährboden für Fundamentalismus bietet. Die einzige Hoffnung ist der innere Friede, der Friede im Kleinen, zwischen Nachbarn. Hier sind die Keime der Zukunft, die den Menschen den Mut geben, überhaupt weiterzuarbeiten an einer freundlicheren Welt. Initiativen wie Shaar laAdam – Bab l‘il Insan gehören dazu. Es ist anrührend, dass die erste große Frage, die dabei entsteht, ist: Wie finden wir eine echte Spiritualität, eine wirklichkeitsnahe, menschliche, lebenswerte, individuelle Form uns dem Göttlichen wieder zu verbinden, jeder auf seine Art?

An diesem Ort beginnt man zu verstehen, wann das erneuerte Christentum wirklich mehr ist als eine Spielart der konfessionellen Religionen. Alle können etwas damit anfangen, das Gespräch lebt von der Fähigkeit sich einzufühlen in die verschiedensten Wege zu Gott. Am Ende des Podiumsgesprächs wurde eine Geschichte erzählt:

Ibrahim, der Abraham der islamischen Tradition, beköstigte in seinem Zelt regelmäßig die Armen. Da kam einmal ein alter Mann, der vor dem Essen das Tischgebet nicht sprach. So warf er ihn wieder hinaus, denn es ist doch sehr unhöflich nach islamischer Sitte, die Mahlzeit ohne Gruß an den barmherzigen und gütigen Gott zu beginnen. Kurz darauf besuchte Djibril, der Erzengel Gabriel, der im Islam mit den Menschen spricht, Ibrahim und tadelte ihn: „Ich habe nun schon seit 77 Jahren Geduld mit diesem Mann, und du schaffst es nicht einmal einen Tag lang? Hol ihn zurück und gib ihm zu essen!“ Da holte Ibrahim ihn zurück und lud ihn noch einmal zum Essen ein. Der alte Mann wollte nicht ganz glauben, dass er es ernst meinte, und fragte ihn, warum er seine Meinung geändert hätte. Da erzählte ihm Ibrahim von der Begegnung mit Djibril. Der alte Mann schaute ihn mit großen Augen an, sprach das Dankgebet und sagte voller Überzeugung: „Dein Gott ist mein Gott!“

Am Kreuz der Erde – Ein Reisejournal aus dem Heiligen Land
Ilse Wellershoff-Schuur, Verlag Urachhaus, 19.90€

Ilse Wellershoff-Schuur

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