Über die Friedensübungswoche 2015

von | 17. Mrz. 2016 | Berichte, Rundbrief 19 (2016) | 0 Kommentare

Ebenbild Gottes – der Mensch?

Während in Jerusalem und im Westjordanland gerade wieder Steine fliegen, sowie Schusswaffen und Messer ziemlich ungehemmt zum Einsatz kommen, herrscht in unserer Begegnungsstätte in Galiläa eine völlig andere Stimmung:  Zwar sind die Einheimischen aus allen Bevölkerungsgruppen über die Situation im Lande verbittert und wenig hoffnungsvoll, aber im Kleinen geschieht viel menschliche Zusammenarbeit…

Das Fundament des Andachtshauses

In der Woche vom 27.9.-4.10. wurde auf dem Fundament des Andachtshauses, in dem auch die Weihehandlung ihre Heimat finden soll, die 4. Friedensübungswoche im Lande mit Teilnehmern aus aller Welt begangen.
Jeden Morgen wurde in der „Sukka“, der Laubhütte, die nicht nur, aber auch zum jüdischen Fest dort aufgebaut worden war, die Menschenweihehandlung gefeiert – unter nicht ganz freiem Himmel, in einem geschützten Raum, der aber in Verbindung mit der Natur im umgebenden Wald stand und somit im besten Sinne „vergänglich“ war. Als Pfarrer waren Ilse Wellershoff-Schuur und Berthold Liebelt dabei, zelebriert und gepredigt wurde abwechselnd auf Deutsch und Englisch. Die Teilnehmer waren eine Gruppe von zehn aus Mitteleuropa angereisten Menschen, die aus Deutschland, Österreich, Malta und Russland stammen, sowie etliche Menschen aus dem Heiligen Land (insgesamt etwa 20), sowohl aus der näheren Umgebung des Kibbuz Harduf als auch aus anderen Teilen des Landes. Dazu kamen noch junge Freiwilligendienstleistende aus Israel und anderen Ländern, meist aus jüdischen Umfeld, die unsere Arbeit ganz neu und mit viel offenem Interesse kennenlernten. Leider konnten viele Teilnehmer nicht kontinuierlich dabei sein, aber es gab auch Tage, an denen mehr Einheimische als Europäer bei der Menschenweihehandlung anwesend waren…

Anschließend an den Morgenbeginn an Altar und Frühstückstisch gab es jeweils ein Tagesthema, in dem aus dem Oberthema ein neues Verständnis von Religion entwickelt wurde – von einem geistes-geschichtlichen Ansatz bis zu den heutigen Herausforderungen und Aufgabenstellungen. Dabei wurden nneben dem Christentum selbstverständlich Judentum und Islam gewürdigt und aus verschiedenen Perspektiven angeschaut, auch auf die jeweiligen Ansätze zu „religiöser Erneuerung“ und neuer Spiritualität, die im anthroposophischen Umfeld möglich werden.

Auch wurde an religiöser Praxis aller Art geübt – Gebet und Meditation, Lieder und Rezitationen. Die islamische Gebetspraxis wurde anfänglich erklärt und mit den Teilnehmern erübt ,und der Sabbat mit einer kleinen Feier durch einen Rabbinerstudenten der reformierten Richtung gebührend begrüßt. Die Teilnehmer waren voll des Lobes über die Woche, die eine ungewöhnliche menschliche und spirituelle Intensität ermöglichte, und den Wunsch nach religiöser Betätigung wecken oder verstärken konnte, bzw. ihm eine neue Richtung gab.
Nun soll das Andachtshaus als interreligiöses Zentrum wachsen – eine Teilnehmerin der Menschenweihehandlung sprach aus, was manch anderer auch gespürt haben mag: Dass die Mauern des Hauses während der Handlungen zu wachsen begonnen haben… Ein Raum entsteht. Und so lebt vor Ort ein Impuls, gemeinsames religiöses Leben zu pflegen.

Äußerlich ist es schwieriger, mit dem Bau weiterzukommen, da die finanziellen Mittel spärlich fließen. Immerhin finden sich jetzt auch in Israel Menschen, die helfen wollen, allerdings haben sie als Mitarbeiter anthroposophischer Einrichtungen, meist mit jungen Familien, eher selbst nicht genug, um zu überleben. Und es ist nach wie vor so, dass wir denken, dass eine Art „Gemeinde“ vor allem auch aus besuchenden Menschen aus dem Ausland bestehen wird, da die Stimmung im Lande einem starken, bekennenden Engagement der Menschen vor Ort doch auch Tabu-Grenzen setzt, die nirgendwo anders in dieser Weise bestehen – und die für Außenstehende schwer nachzuvollziehen sind. Immerhin sehen Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen etwas Berechtigtes in unserem Impuls, und so mancher kann es für sich gut miteinander vereinbaren, das muslimische Gebet zu vollziehen, oder sich auch mit dem kulturellen und schicksalsmäßigen Judentum zu verbinden und trotzdem aus voller Überzeugung für die Anthroposophie für die erneuerten Sakramente einzutreten! Eine sehr delikate Quadratur des Kreises, von deren Gelingen viel abhängt, auch für die weiteren Geschicke des Landes und damit der nahöstlichen Region…

Nun soll der Sakristei-Raum (der Schutzraum, Nebengebäude) gebaut werden, die Mittel dafür sind zugesagt, bzw. vorhanden. Und wenn dann der nächste Bauschritt (Ständerwerk und Dachgerüst) vollzogen sein wird (dazu fehlen noch etwa 70.000€), können wir zur Eigenleistung übergehen. Wir hoffen sehr, das bis zum nächsten Herbst zu schaffen!

Für die Eigenleistung könnte es im Sommer 2017 dann einige „Baulager“ geben. Gerade begegnete mir vor Ort der Hamborner Jugendkreis auf einer Begegnungsreise, für die sie mit ihren Partnern aus einer israelischen Waldorfschule und einer christlich-arabischen Schule in Eilaboun auch in der Begegnungsstätte einige Tage verbrachten. Da war schon Interesse, einmal länger vor Ort zu sein! Also – eine Art Bauhütte könnte entstehen für den Sommer, mit verschiedenen offenen Gruppen von vor allem jungen Erwachsenen, die „im Wald“ der Begegnungsstätte wohnen und arbeiten wollen. Nebenan ist der Pool, Ausflugsziele sind nah. Die Freunde vor Ort werden die Grundbetreuung übernehmen… Bei Interesse helfe ich gern, konkretere Pläne zu machen oder Teilnahme zu vermitteln.

Ilse Wellershoff-Schuur

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