Eindrücke aus einem anderen Land

von | 11. Jul. 2013 | Berichte, Reisen, Rundbrief 16 (2013) | 0 Kommentare

Was ist eigentlich anders, in diesem Land? Das Klima, klar.Wo liegen die Unterschiede zu Europa? Auf den ersten Blick gibt es sie gar nicht. Die Infrastruktur ist gut. Die Straßen sind besser als in Polen. Das hat mich überrascht. Die Autos sind auch gleich. Aber etwas ist doch anders, wenn man genauer hinschaut: Die Autos haben ausnahmslos alle ein israelisches Nummernschild. Ein Zeichen der Isolation.
Aber Angst oder Bedrohung habe ich in Israel nie wirklich gespürt. Der Friede war für mich auch dort Realität. Vielleicht, weil ich es nicht anders kenne… vielleicht, weil ich es mir nicht anders vorstellen kann… ich Friedenskind.Aber jetzt in Berlin, in der U-Bahn, denke ich manchmal darüber nach… Leben wir hier nicht auch ständig mit der Terrorgefahr? Nur, weil hier noch nie etwas passiert ist, heißt das doch nicht, dass nichts passieren kann… Kann ich mich hier überhaupt sicher fühlen? Und dann fühle ich mich nicht sicher. Nur für einen Moment. Aber dann frage ich mich, ob das vor der Israelreise auch schon so war.
Auf den Golanhöhen waren wir in Bunkern, da war mal Krieg… und es könnte jederzeit wieder sein. Es gibt Gebiete, die sind umzäunt und vermint.

Die Gruppe vor dem See Genezareth

Die Bedrohung, Krieg und Gefahr, man kann es sehen, es rückt näher… aber es ist immer noch zu weit weg, um mich wirklich zu erreichen, mich Friedenskind. Die Bunker sind eher aufregend harmlos. Leerstehende Häuser und verlassene Siedlungen schockieren mich viel mehr. Die ohnehin schon karge Landschaft wirkt dadurch tot und leer. Dort lebt nichts mehr. Die Golanhöhen sind Grenzgebiet, da ist auch nicht so viel Verkehr.
In Israel ist nichts richtig grün, es gibt keine hohen Bäume, nur Palmen. Die Laubbäume sind alle kaum größer als ich, und man findet sie hauptsächlich in Obstplantagen, Zitronen, Orangen, Granatäpfel, Oliven, das wächst alles dort. Und Datteln, Feigen, Bananen gibt es natürlich auch! …und diese Häuser, ich liebe diese Häuser! Sie sind alle aus diesem weiß-gelblichen Stein.
Über allem liegt eine drückende Hitze. Die Landschaft wirkt irgendwie müde und erschöpft. Und dazu kommt die orientalische Gemütlichkeit.
Im Kibbuz Harduf sehen alle Gebäude anthroposophisch aus. Das ist Waldorf auf Hebräisch, das ist wie zu Haus’! Das ist mir vertraut.
Natürlich laufen schon mehr Polizisten und Soldaten herum. Schwer bewaffnet, klar. Aber die Sicherheitskontrollen sind meistens lasch. Naja, wir sind halt Touristen und sehen auch so aus.Man gewinnt das Gefühl, Anspannung und Gelassenheit liegen zugleich in der Luft. Das ist wohl die israelische Normalität.
In Jerusalem spielt sich der ganz normale Wahnsinn jeden Tag aufs neue ab. Die Altstadt ist schön, mehr als das. Wenn man sie betritt, taucht man ein in die Vergangenheit, in eine andere Zeit… die Häuser, die Gassen, die ultraorthodoxen Juden…
Wenn man die Altstadt verlässt ist die neugebaute, hochmoderne Straßenbahn in der Neustadt ein scharfer Kontrast.
Das Leben dort ist geschäftig. Aber es ist kein Miteinander, es ist ein Nebeneinander der verschiedenen Kulturen und Religionen. Das alltägliche Treiben überdeckt die Spannung, die eben auch noch irgendwie in der Luft liegt, nur versteckt. Die Aggressionen, die ständige Bereitschaft, loszuschlagen… Die Situation könnte wohl jeden Moment eskalieren… vielleicht, vielleicht auch nicht.
Und dann die Massen an Touristen, die Schlangen von Reisebussen füllen, die sich achtlos durch die engen Gassen und in die Kirchen quetschen und die zauberhafte Atmosphäre mit äußerlicher Frömmigkeit gefühllos zerstören. Es ist schrecklich, besonders in der Grabeskirche.
Ich bin auch Tourist, und doch bilde ich mir ein, anders zu sein.

Ausflug auf die Golanhöhen

Am schönsten sind die Morgenstunden, wenn die Stadt erwacht…Dann sieht man die Kinder zur Schule gehen. Ein Bisschen Alltag, ein Bisschen Normalität… und die Luft ist noch kühl und frisch, nicht heiß und verbraucht.
Das Tote Meer trägt seinen Namen zu Recht. Es gibt dort kein Leben, keine Pflanze, kein Tier, keine Wellen, kein Wind, nur Steine und Stille. Eine Stille, die sehr unheimlich und irgendwie endgültig ist. Die nur manchmal und nur kurz vom ohrenbetäubendem Lärm vorbeifliegender Militärjets unterbrochen wird. Nur Übungsflüge, aber der Schein trügt. Es ist eben doch nicht ganz friedlich, dieses Land.

Johanna Werner

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