Sulha – ein orientalisches Friedensritual

von | 23. Mai. 2007 | Rundbrief 10 (2007), Texte, Themen | 0 Kommentare

Woher die auch heute noch in der arabischen Gesellschaft Galiläas wichtigen Gebräuche um die Sulha kommen, weiß man eigentlich nicht. Sicher ist, dass es Beschreibungen der Sulha schon in frühen semitischen Texten gibt, und dass sie in frühchristlichen Texten, in vorislamischer und islamisch-arabischer Literatur erwähnt werden. Das Friedensoder Schlichtungsritual ist jedenfalls im Nahen Osten beheimatet und lebt heute vorwiegend in der arabischen Welt, nicht nur unter Muslimen sondern durchaus auch unter Christen und Drusen. Heute erwacht in der Friedensbewegung Israels ein Bewusstsein dafür, dass die Grundprinzipien der Sulha bei der Suche nach nachhaltig friedlicher Konfliktlösung von universaler Bedeutung sein könnten.

Elias Jabbour, Gründer des Hope House in Shfaram, der auf dem letzten Ramadan / Sukkot / Michaeli-Festival in Shaar laAdam von den Grundsätzen der Sulha sprach, ist der Verfasser des auch in englischerSpracheerschienenBüchleins „Sulha – Palestinian Traditional Peacemaking Process“, in dem nicht nur das Ritual genau beschrieben ist, sondern auch einzelne Fälle der letzten Jahre berichtet werden. Elias Jabbour ist Christ, Sohn des langjährigen Bürgermeisters von Shfaram und häufig Mitglied der lokalen Jahas, der von Fall zu Fall berufenen Schlichtungsgremien, die zwischen den verfeindeten Parteien vermitteln. Sein Vater hat die türkische, die britische und die israelische Zeit des Landes miterlebt und ihm den Wert des rein menschlichen Schlichtens vermittelt. Wie geht das vor sich?

Nehmen wir an, ein Mensch hat etwas getan, wodurch er einen anderen verletzt hat. Dadurch gerät in der menschlichen Gemeinschaft etwas in Unordnung, irgendwo entsteht Schuld. Die Sulha hat zum Ziel, die Folgen des Unrechts soweit aufzuheben, dass die menschliche Gemeinschaft ungestört weiterleben kann, so dass es keinen Grund zur Rache oder anderen belastenden Handlungen aus verletzten Gefühlen heraus mehr geben kann.

Dazu geht es zunächst darum, dass die schuldige Partei, der Täter selbst oder seine Familie, sein Clan, die Menschen, die sich ihm verbunden fühlen, den Schlichtungsprozess anstösst. In Galiläa ist es beispielsweise so, dass die Menschen wissen, wer als Bürger respektiert und geachtet ist wegen seiner menschlichen Qualitäten, seiner Menschlichkeit. Nun werden solche Menschen gefragt, die beide Parteien respektieren können, ob sie der Jaha angehören wollen. Man sucht sie auf und bittet um Gastfreundschaft und Hilfe: „Wir sind in eurem Haus und bitten um Hilfe. Wir sind in Schwierigkeiten, einer unserer Söhne hat ein Verbrechen begangen und wir sind in eurer Hand.“

Die Jaha, die je nach Schwere und Kompliziertheit des Falles aus 1-20 Personen bestehen kann, geht dann nach den erforderlichen Beratungen möglichst unverzüglich zur verletzten Partei.

See Genezareth

Das Grundprinzip der Sulha ist Vergebung. Wenn die verletzte Seite nicht zur Vergebung bereit ist, wird es keinen Frieden geben, und niemand kann sie dazu zwingen. Der erste Schritt dazu, eine Vergebung auch nur zu denken, ist das Aufnehmen der Jaha als Schlichtungsgremiums in den Bereich der eigenen Gastfreundschaft. Das bedeutet, sich dem Urteil der Jaha zu unterstellen, was so auch ausgesprochen wird. Ein arabisches Sprichwort sagt: Über Frieden zu reden ist schon Frieden. Man kann es ehrlicher vielleicht zunächst Waffenstillstand (hodna) nennen, denn noch kann die Sulha scheitern, aber für die Zeit der hodna schweigen die Waffen. Dies wird entweder auf Ehre oder sogar durch eine Art Pfandzahlung garantiert. Die Mitglieder der Partei des Täters sind verpflichtet den Mitgliedern des geschädigten Clans aus dem Weg zu gehen, beispielsweise den Bus zu verlassen, wenn ein Geschädigter einsteigt. Damit zeigt man Respekt vor den verletzten Gefühlen der anderen. Diese Zeit wird bewusst begrenzt, und nun kommt es darauf an, innerhalb der Frist einen nachhaltigen Frieden zu erreichen, mit dem alle leben können. Dazu gehört meist eine Sühnezahlung, eine Art Wiedergutmachung, obwohl es im Falle eines Schadens an Leib und Leben eine Formel gibt, die darauf hinweist, dass das Leben eines Menschen nicht in Geld aufzuwiegen ist… Diese Diya wird mit Hilfe der Jaha bestimmt. Entgegen den sonstigen Lebensgewohnheiten wird hier nicht gefeilscht – es geht um die Wiederherstellung von Recht und Ehre, und ein Handeln wird als unwürdig empfunden. Und selbst wenn die geschädigte Partei kein Geld braucht oder annehmen möchte, gehört die Annahme des Urteils der Jaha zum Prozess. Mitunter wird das Geld später einfach zurückgegeben…

Im Laufe des Prozesses gehört es zur Rolle der Jaha, den Zorn und die Trauer der verletzten Partei auf sich zu ziehen, und so dafür zu sorgen, dass es nicht zu unüberlegten Racheakten kommt. Das Annehmen einer Stellung in der Jaha ist reines persönliches Opfer, das keine Vorteile mit sich bringt. Es gibt keine Bezahlung oder Aufwandsentschädigung, um jegliche Nähe zur Bestechung zu vermeiden. Der Zeitaufwand ist manchmal immens. Die Art der Rechtsprechung ist im Großen und Ganzen an Präzedenzfällen orientiert. Am Ende steht das eigentliche Ritual:

Friede wird öffentlich geschlossen, vor aller Augen, so dass es keine Verletzung der Sulha ohne Gesichtsverlust in der Gesellschaft geben kann. Die Schritte der Zeremonie sind einfache Bilder des Vorgangs der Vergebung: Der Täter – oder ein Vertreter, wenn er im Gefängnis sitzt – nähert sich im Schutz der Jaha der verletzten Partei mit einer weißen Flagge (Rayah), in die die Vergebenden einen Knoten machen, und schüttelt jedem die Hand. Wenn die vorher ausgehandelten Bedingungen stimmig sind, wird jetzt jeder zur Vergebung bereit sein – und doch bleibt es ein spannender Moment, ob wirklich jeder der Angehörigen die Bitte um Verzeihung annehmen kann. Dann wird die weiße Flagge mit bekräftigenden Knoten versehen, die die Honoratioren der Parteien einzeln ausführen. Eventuell werden danach Reden gehalten. Der Familie des Täters wird von den Opfervertretern bitterer (ungesüßter) Kaffee gereicht. Dann folgt eine Mahlzeit aller Beteiligten, die die Täterpartei bereitet hat. Die Mindestanforderung ist Brot und Salz, normalerweise ist es eine reichhaltige Speise, für die Tiere geschlachtet werden. Ein gemeinsames Mahl ist Zeichen der Aussöhnung, Bild des Fallens der trennenden Schranken. Salz und Brot ist ein uraltes Bild des Willkommenseins, gemeinsames Essen ein Zeichen des Friedens. Es ist wichtig, dass jeder Beteiligte am Mahl teilnimmt.

Wüste Juda

Warum ist die Sulha so weitgehend akzeptiert, so erfolgreich? Wie gelingt es, dass aus einer stressbeladenen, oftmals gefährlichen Situation am Ende ein Fest wird, nach dem alle zufrieden sind? Dazu gibt es viele Gesichtspunkte, aber was in dieser kurzen Darstellung gesagt werden kann, ist, dass die Gemeinschaft eine Verantwortung übernimmt, die der Einzelne nicht tragen kann. Einzelne übernehmen aus freier Entscheidung eine Last – die Verpflichtung zur Vermittlung, und die Betroffenen überwinden etwas in sich, das sie freier macht. Es geht um Menschwerden, nicht nur dem Instinkt nach Rache oder Rechtfertigung zu folgen, sondern darum, etwas Eigenes abzugeben, um Frieden zu ermöglichen. Und es geht um die Hilfe, die ein weises Ritual Menschen in solchen Lebenslagen bieten kann. Und weil wir alle davon viel lernen können, ist die Sulha ein Friedensritual, von dem auch den Förderern in Deutschland berichtet werden sollte. Elias Jabbour setzt sich mit Hilfe der Sulha für den Frieden zwischen den Kulturen seines Landes ein. Die Kenntnis der Gebräuche anderer Kulturen kann auch uns wertvolle Denkanstöße geben.

Frühjahr in der Begegnungsstätte

Ilse Wellershoff-Schuur

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