Sawa’ed El-Homeira: Eindrücke aus einem arabischen Dorf

von | 3. Dez. 2006 | Berichte, Rundbrief 09 (2006) | 0 Kommentare

Vor zehn Jahren war ich das letzte Mal in Israel. Damals lernte ich in einem Baulager den Kibbuz Harduf, viele seiner Menschen und die Juli-Hitze kennen. Wir wohnten in während der Schulferien ungenutzten Schulräumen, während der kühleren Morgenstunden und am späten Nachmittag arbeiteten wir mit einfachem Gerät, Spitzhacke, Spaten usw. an der steinigen Erde Galiläas und bekamen einen Eindruck von den Leistungen der Menschen, die dieses Stück Erde kultiviert haben.

Eingang zu Amins Haus. Foto: Heiner Schuur

In diesem Herbst waren meine Frau und ich von Amin Sawa’ed eingeladen worden, während unseres Aufenthaltes in Galiläa Gäste seines Hauses im Nachbardorf des Kibbuz Harduf, dem Beduinendorf EI-Homeira der Sawa’ed zu sein. Die beiden Töchter der Familie, 5 und 7 Jahre alt, hatten uns ihr Zimmer geräumt und waren zu ihren Brüdern ins Zimmer gezogen, – wo sie nachts zu viert nebeneinander aufgereiht schliefen, wie sie es von früher gewohnt waren. Noch nicht so lange konnten sie einen eigenen Raum nutzen, denn Amins Haus ist eigentlich eine Baustelle. Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoss befinden sich noch im Ausbau. Wir erlebten die Elektroinstallation, aber die Fenster und Türen, sogar eine Haustür fehlten noch. Sie sollten eigentlich schon in den vergangenen Tagen eingesetzt werden, aber niemand regt sich darüber auf, dass sie vielleicht erst in der kommenden Woche eintreffen. Im oberen Stockwerk, wo wir mit der Familie wohnten, gab es natürlich Fenster, Verdunkelungen und Fliegengitter, sowie elektrischen Strom, der vom eigenen Generator für mehrere Häuser der Großfamilie erzeugt wurde, allerdings nur nach Einbruch der Dunkelheit bis zur Schlafenszeit, oder wenn die Waschmaschine betrieben werden sollte.

Welch eine Veränderung im Lebensstil!

Noch vor drei Generationen lebte diese Familie im Beduinenzelt. 1920 hatte sie sich am Hang eines Berges in Galiläa mit herrlichem Blick auf Haifa und das Mittelmeer niedergelassen und ein erstes kleines Steinhaus gebaut, selbstverständlich ohne Strom und Wasser Aber Wasser gab es etwa 2 km entfernt im Tal des Zippori. Amin erinnert sich, dass sie bis 1986 das Wasser täglich mit einem Esel aus einer Quelle am Zippori den Berg hinaufgeholt haben.

Zurück zur Gegenwart: wir befanden uns im Fastenmonat Ramadan. Selbst in diesem kleinen Dorf gab es bunte Lichter an einigen Häusern, die nach Sonnenuntergang den Ort schmückten. Moslems, die das Fasten einhalten, nehmen weder Speise noch Getränke zu sich, solange die Sonne über dem Horizont steht. Aber nicht alle Familienmitglieder beteiligen sich am Fasten. Kindern unter 7 sowieso nicht, Kindern bis zu 14 Jahren ist es freigestellt. So haben meine Frau und ich die Auswirkungen des Fastens nur beobachtet, wir wurden auch tagsüber gut versorgt.

Ramadan-Essen bei Abu Amin. Foto: Ilse Wellershoff-Schuur

Der Muezzin warnt rechtzeitig vor Sonnenaufgang: nutzt die letzte Gelegenheit zum Essen und Trinken! Abends verkündet er den Sonnenuntergang und gibt das Signal zum Abendessen. Alles wird rechtzeitig vorbereitet, und dann trifft man sich abwechselnd bei einem Familienmitglied, mit Arbeitskollegen, im Kindergarten usw. Es ähnelt ein wenig unseren Weihnachtsfeiern. Wir versammelten uns nach unserer Ankunft am ersten Abend zum Essen beim Haupt der Familie Abu Amin, wo sich alle Familienmitglieder und Gäste um das reichhaltig auf dem Teppich arrangierte Essen scharten und nach kurzem Gebet die vielfältigen arabischen Speisen genossen. Nach einer Stunde waren wir fertig, und schon rief der Muezzin zum langen Abendgebet. Denn an den 28 Tagen des Ramadans wird im gemeinsamen Gebet der gesamte Koran gelesen! Auch nachts! Und das war nicht das einzige Geräusch, an das wir uns nachts zu gewöhnen hatten. Schafe, Ziegen, Hunde und Hühner kamen offensichtlich nicht richtig zur Ruhe.

Mit der Zukunft Galiläas. Foto: Heiner Schuur

Immer wieder schreckte ein Hund bellend auf, und dann schlossen sich alle Hunde im Dorf an, als ob es galt, einen Fremdling abzuwehren. Ähnlich reagierten die Hähne, die plötzlich nach Mitternacht ein unbeschreibliches Gezeter im Chor erhoben. Irgendein Wildtier musste sie bedroht haben. Nach wenigen Nächten hatte ich mich an diese Geräusche gewöhnt. Selbst den Ruf des Muezzins hörte ich nicht mehr.

Nach 11 Tagen nahmen wir Abschied von Amin und seiner Familie, dankbar für ihre großartige Gastfreundschaft und für eine unvergleichliche Erfahrung.

Heiner Schuur

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