Stimmen aus Galiläa

von | 11. Jun. 2005 | Lage vor Ort, Rundbrief 07 (2005), Stimmen | 0 Kommentare

Liat (Kindergärtnerin, 33): Es gibt hier ja nicht nur den „Kon­flikt“. Vor ein paar Wochen wurde meine dritte Tochter geboren, ein kleinwüchsiges Kind. In der Schwangerschaft wurde mir so klar, wie sehr ein Staat, in dem Religion eine dogmatische Rolle spielt, in der Gefahr ist, alle Spiritualität, alle Menschlichkeit zu verlieren, so dass dann nur noch der pure Materialismus herrscht. Bis zum achten Monat versuchte man im Namen der Wissenschaft und der modernen Gesellschaft zu verhindern, dass unser Kind geboren werden sollte. Wie finden wir das Menschengemäße in dieser veräußerlichten Gesellschaft?

Harry (Physiotherapeut und Friedensaktivist, 44): Ihr in Deutschland seid so wichtig für uns. Nicht nur euer Engage­ment, sondern vor allem auch eure Wahrnehmungen, eure Auf­merksamkeit. Was ihr seht, wird in der Welt anders beurteilt, und das bewirkt, dass die Macher hier anders in der Verant­wortung stehen. Es ist wichtig, dass eure jungen Leute unsere Wirklichkeit wahrnehmen.

Amin (Sportlehrer und Dorfentwickler, 42): Unsere beduinische Gesellschaft braucht die Öffnung nach außen. Wir brauchen echte Nachbarn, Gäste, Freunde von außen, die im Dialog stehen, und die den Menschen ermöglichen, wertvolle Wahrnehmungen der Welt da draußen zu machen – mehr als den täglichen Konsum, das Fernsehen und die Dekadenz zu sehen in der Lebensform der Welt von heute.

Shaul (wehrpflichtiger Soldat, 20): Beim Militär lerne ich zum ersten Mal Siedler kennen, Rechte, Religiöse. Und merk­würdigerweise – solange wir nicht über Politik sprechen, sind das ganz nette Kerle. Ihre Heimatsiedlungen sind zum Teil älter als Harduf, und ich beginne zu verstehen, warum sie denken, wie sie denken. Fast scheint es, als teile sich das Land wieder in Juda (die Rechten, die Religiösen, die Siedler) und Israel (die weltoffenen Galiläer, die Linken, die Säkularen). Aber das ist natürlich nur ein kleiner Teil einer komplizierten Realität.

Pamela (Rechtsanwältin, Lehrerin, 41): Die größte Gefahr für alle Seiten ist der Materialismus – und die fundamental Reli­giösen auf allen Seiten verstärken diese Gefahr! Im Islam sehe ich das besonders – mein Mann ist ja muslimischer Araber. Je­ der aufgeklärte junge Mensch sieht das Rückwärtsgewandte seiner Religion, und wird damit Materialist, frei von allen Werten, allen spirituellen Frage. Wo ist die religiöse Erneuerung für diese Menschen, die immer oberflächlicher werden?

Gila (Musiktherapeutin, 50): Pessach und Ostern bekomme ich einfach nicht mehr zusammen. In den unverstandenen Traditionen fehlt mir immer das Wesentliche. Ich fahre dann am liebsten ins Ausland. Aber die Idee, dass aus dem Sederabend das Abendmahl wird, das finde ich hilfreich. Nur wie kann man das leben?

Ya‘akov (Leiter der Theaterschule, Oberst d.R., 46): Was wir brauchen ist echte Spiritualität, sonst bleibt alles andere Flick­ werk. Wir können hier einen schönen Ort schaffen, aber belebt wird er erst durch das Neue, was im Menschenbild der Anthro­posophie lebt. Und das kommt nicht von allein, sondern muss immer wieder neu entdeckt, geübt und gelebt werden. Man kann es nicht erben oder als Patentrezept ansehen. Es geht um den Menschen und seinen Weg zu sich selbst und zu Gott.

Omar (Student, Landarbeiter, 25): Ich verstehe vieles nicht, was hier im Lande passiert. Viel Enthusiasmus ist verloren ge­gangen. Wie kommt man zu den richtigen Entscheidungen? Ich suche Erklärungen für das, was Menschen einander antun. Ich habe vielleicht selbst noch nicht genug gegeben? Ich möchte ins Ausland gehen, vielleicht nach England, um zu studieren, was es ist, das uns wirklich weiterbringen könnte.

Ilse Wellershoff-­Schuur

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