Bericht aus Harduf

von | 6. Mai. 2004

Zwischen politischer Spannung und blühendem Frühling entsteht in Harduf ein Gegenbild zur Hoffnungslosigkeit: jüdisch-arabische Zusammenarbeit im Wald von Sha’ar laAdam, neue Bildungsinitiativen und ein Seminar zur religiösen Erneuerung nähren leise, beharrliche Hoffnung.

Abflug am Tag, als Scheich Ahmed Yassin getötet wurde. Schon am Flughafen erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Wird es zu einer neuen Eskalation der Gewalt kommen? Ansonsten – alles wie immer.

Harduf, Galiläa im Frühling. Kontrast zu einer harten, von Hoffnungslosigkeit geprägten israelischen Realität? Oder Gegenbild, Ausdruck dessen, was sein könnte, wenn ein neuer Geist das Land ergreifen würde?

Die Natur jedenfalls ist friedlich und schön. Alles blüht. Zwischen den Steinen überall Grün. Kleine und große Blüten. Frühling ist hier wie ein Sommer in Mitteleuropa – manchmal ein bisschen frisch, manchmal schon sehr warm. Kein Regen mehr. Aber auch noch nicht zu trocken für das hervorsprießende Leben. Der See Genezareth erreicht den höchsten Wasserstand seit vielen Jahren.

In Harduf wird viel gebaut. Rasant wächst die kleine Siedlung. Eltern möchten in der Nähe der Schule wohnen. Ein friedlicher Ort mit einem guten Ruf, viel kulturellem Leben, Ansätzen zu einer ganz neuen Lebensart. Vor zehn Jahren noch eine verschworene Gemeinschaft, heute eine weltoffene, pluralistische Siedlung, entstanden aus einer Initiative von Anthroposophen und von einem aktiven Geistesleben geprägt – Ausbildungsgänge und -ansätze auf fast allen künstlerischen Gebieten, ein Grundbildungsjahr, in das trotz vieler Bewerbungen nur 45 junge Leute aufgenommen werden konnten (in Dornach, hörte ich, gibt es sieben Teilnehmer an einem entsprechenden Kurs …). Soziale Initiativen verschiedenster Art – seelenpflegebedürftige Erwachsene, verhaltensgestörte Kinder, Traumaopfer finden hier menschliche Heimat.

Jeden Donnerstag treffen sich im Wald von Sha‘ar laAdam / Bab l‘ilInsan Elftklässler aus der Waldorfschule und der Oberschule im benachbarten arabischen Ort Zara‘zir zu gemeinsamer Arbeit. Auch die Sechstklässler treffen sich regelmäßig mit Altersgenossen aus der Grundschule im Nachbardorf Ka‘abiya. Jugendleiter regen an, sich in Arbeit, Spiel und bei einer gemeinsamen Mahlzeit besser kennenzulernen. So ist im Wald schon viel entstanden, und der Ort wird viel genutzt: für gemeinsame Feiern zu den Jahreszeitenfesten, als Ausflugsziel von Schulklassen, Gruppen und Familien, wo man dann manchmal tatsächlich anderen Schulklassen, Gruppen oder Familien begegnet …

Die Initiativträger treffen sich jeden Mittwoch: Ya‘akov, der Leiter der Schauspielschule in Harduf, Amin, Sportlehrer an der Waldorfschule und Kinderolympiaden-Aktivist aus dem Sawa‘ed-Dorf, Muafak, Tischler aus der arabischen Kleinstadt Shfar‘amr, Pamela und Zadik, Rechtsanwälte aus Harduf – sie jüdisch-amerikanisch, er muslimisch-arabisch –, Amira und Omar, die Bewegungsmitarbeiter, ein arabischer Kinderarzt und manche andere, die vielleicht gerade nicht da waren, als ich teilnehmen konnte. Man spürt, dass sie eine Gemeinschaft sind. Allein das ist ein Erfolg der Initiative – dass jüdische und arabische Israelis so vertrauensvoll zusammenarbeiten. Das ist überall in der Region bekannt, und viele Menschen schauen voller Hoffnung auf solche „Post-Apartheid-Phänomene“.

Wir sprechen über den Stand der Dinge, die Zukunftspläne – eine Jugendleiterschule zum Beispiel, an der man einen alternativen Wehrdienst ableisten können soll, als jüdischer wie als arabischer Israeli. Über die Sommerpläne auch, in Hannover wie in Harduf. Wie immer müssen wir flexibel sein und unsere Pläne an die sich entwickelnden Realitäten anpassen. Wir freuen uns auf den Sommer.

Am Anfang der Pessach-Ferien gibt es dann ein dreitägiges Seminar zu Fragen der religiösen Erneuerung, das der Anlass meiner Reise ist. Nach der Veröffentlichung eines Artikels zu „Religion und Gemeinschaftsbildung“ in der anthroposophischen Quartalszeitschrift Israels hatte man mich darum gebeten, als Pfarrerin der Christengemeinschaft einige Studientage mitzugestalten. Eingeladen waren Interessenten aus allen Landesteilen, die sich neben ihrem Engagement in der anthroposophischen Bewegung auch mit Fragen der Religion und ihrer Bedeutung für das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft beschäftigen wollten: zwölf spannende Persönlichkeiten – von der Lehrerin bis zum Psychiater, vom IT-Spezialisten (der gerade noch auf der CeBIT in Hannover gewesen war …) über den Erfinder, den Heilpädagogen, mehrere Eurythmisten und andere Künstler bis zur Juristin. Eine so unvoreingenommene, gebildete und anspruchsvolle Gruppe hatte ich noch nie in einem „Einführungskurs“!

Nach der Menschenweihehandlung (um 7 Uhr – was man macht, das macht man hier gründlich …) am Morgen ging es vormittags um grundlegende Fragen, nachmittags um die Sakramente im Lebenslauf – und da berührt man dann das ganze Leben: Religionspädagogik, Jugendarbeit, Ehekunde und -seelsorge, Fragen der Berufswahl, der Pastoralmedizin, der Lebensberatung, der Institutionalisierung religiöser Gemeinschaften, der Sterbebegleitung, des Lebens mit den Verstorbenen, Selbstmord und vieles mehr. An den Abenden Fragestunde und ein Abschluss am Altar mit kurzer Predigt. Erfüllende Tage. Wohin wird diese Arbeit uns führen? Jedenfalls freuen wir uns auch in dieser Beziehung auf den Sommer.

Die Zeichen stehen auf Hoffnung? Die allgemeine, lähmende Hoffnungslosigkeit im Alltag dieses Landes hält niemand auf Dauer aus – ebenso wenig wie der lebendige Mensch die ständige Betäubung erträgt, mit der viele versuchen, die Ausweglosigkeit lebbar zu machen.

Menschlich ist das nicht unbedingt, auch wenn es verständlich erscheint. Und Weglaufen gilt eigentlich auch nicht. In Harduf lebt die Hoffnung auf einen neuen Frühling, der vielleicht manchmal sommerlich blühen wird, aber sicher noch manchen Herbst und Winter überstehen muss. Und doch: Jedes Jahr werden die Bäume ein bisschen kräftiger und größer. Auch wenn das hierzulande nicht von allein geht, sondern ständiger, liebevoller Pflege bedarf.

Ilse Wellershoff-Schuur

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