Begegnung durch gemeinsame Arbeit

von | 14. Sep.. 2002

Warum in der Sommerhitze Galiläas Steine schleppen? Weil Begegnung kein Zufall ist. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam arbeiten, sich zeigen und den Mut haben, aufeinander zuzugehen. Bau- und Begegnungslager werden so zu Orten, an denen Verständigung konkret wächst.

„Warum fahrt ihr eigentlich jedes Jahr nach Israel, um dort in der Hitze auch noch zu schuften? Ihr seid ja verrückt!“

Oder:

„Warum kommt ihr eigentlich immer zum Arbeiten hierher? Seid ihr in Deutschland nicht ausgelastet?“

Diese oder ähnliche Fragen tauchen immer wieder auf, wenn sich jemand mit unserer Arbeit in Galiläa beschäftigt. Um vielleicht ein wenig eine Antwort zu finden, muss man zunächst das Wesen der Begegnung etwas genauer betrachten.

Zu Beginn einer Begegnung steht sicherlich ein guter Wille und Begegnungsbereitschaft. Doch reicht eine Offenheit auf beiden Seiten nicht aus. Es wird nicht zu einer Begegnung zwischen zwei Menschen oder Menschengemeinschaften kommen, wenn nicht individuell der Mut gefasst wird, ein Stück über sich hinaus, dem anderen entgegen, zu wachsen, um den unbekannten Raum, der zuweilen beängstigend groß sein mag, zu überbrücken.

Dieser Prozess aber ist ein aktiver – eine bewusste Handlung der Einzelnen.

Foto: Tor zur Welt … e.V.

Dabei ist einzusehen und zu erleben, dass Hülsenhaftes, Leeres und Maskenhaftes in der Begegnung keinen Platz haben. Ein so sensibles, lebendiges Unterfangen wie eine Begegnung braucht ein gesundes Fundament aus ehrlichem Interesse und Offenbarungswillen. Ohne ein Stück von sich selbst preiszugeben, kann naturgemäß keine Begegnung stattfinden; wo keiner ist, kann man auch niemandem begegnen.

Wo aber eine wirkliche Begegnung stattfindet, stellt sich unmittelbar eine Betroffenheit, ein unverkennbares Sich-gemeint-Fühlen und ein Erleben der Individualität des anderen ein. Es kommt etwas hinzu, das mehr ist als das alleinige Aufeinandertreffen von Du und Ich.

Leider sind solche Sternstunden selten, und oft befindet man sich gerade auf dem Gebiet des Zwischenmenschlichen in einem bewusstseinsmäßigen Tiefschlaf.

Um jedoch einen Schritt in Richtung einer Begegnungskultur tun zu können, gibt es glücklicherweise Hilfen: Begegnungsinhalte in Form von gemeinsamer theoretischer, praktischer und künstlerischer Arbeit. Gemeinsame Arbeit – in jeglicher Art und Weise – bietet ein wunderbares Mittel zur Überbrückung religiöser und kultureller Distanzen, aber auch zur Auflösung zwischenmenschlicher Gleichgültigkeit im eigenen Land- und Kulturkreis.

Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum die regelmäßig in Galiläa stattfindenden Jugendlager Bau- und Begegnungslager sind. Die Aufbauarbeit hat nicht nur den positiven „Nebeneffekt“ der schrittweisen Entstehung eines Zentrums für Gemeinschaftskultur, sondern ist selbst zentrales Ereignis – aktives Gestalten an einem lebendigen, in ständiger Wandlung begriffenen Begegnungswesen.

Antje Krüger

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Weitere Beiträge

Interview mit Iduna Kreissl

Interview mit Iduna Kreissl

Neun Jahre nach ihrem ersten Einsatz erlebt Iduna Kreissl eine veränderte Freiwilligenkultur: weniger Abenteuerlust, mehr Verantwortungsgefühl. Trotz Krieg und Unsicherheit wachsen Bindung und Engagement. Koexistenz braucht Mut, klare Rollen und echte Begegnung auf Augenhöhe.

Landwirtschaft auch in der Begegnungsstätte

Landwirtschaft auch in der Begegnungsstätte

Mit Unterstützung aus Deutschland entstand in der Begegnungsstätte eine kleine Kuhherde für biologisch-dynamische Landwirtschaft. Milchprodukte wie Joghurt und Tzfatit-Käse bereichern den Ort. Die Tiere stärken Erdheilung, Gemeinschaft und regionale Selbstversorgung.

Der gemeinsame Weg: Eindrücke von einem besonderen Tag

Der gemeinsame Weg: Eindrücke von einem besonderen Tag

Am 12. Juni 2024 wurde die Begegnungsstätte mit „El Tarik el Mushtaraka“ zum Ort gelebter Einheit. Musik, Theater, Lyrik und inspirierende Beiträge von Gemeindeleitern und Initiativen förderten Dialog und Vernetzung. Tanz und Begegnungen am Büffet stärkten sichtbar den gemeinsamen Weg.

Alternativ können Sie auch direkt auf unser Konto spenden:

GLS BANK | IBAN: DE14 4306 0967 0043 5266 00 | BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Adresse für Zuwendungsbescheinigung
Spenden AGB

Ihre Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuchen Sie es erneut.
Ihre Anmeldung war erfolgreich.

Newsletter

Melden Sie sich zu unserem Newsletter an, um auf dem Laufenden zu bleiben.

Sie können den Newsletter jederzeit über den Link in unserem Newsletter abbestellen. Wir verwenden als Plattform zu Datenverarbeitung. Wenn Sie das Formular ausfüllen und absenden, bestätigen Sie, dass die von Ihnen angegebenen Informationen an Sendinblue zur Bearbeitung gemäß den Nutzungsbedingungen übertragen werden.