Bauen und Begegnen

von | 14. Sep. 2002 | Baucamps, Berichte, Rundbrief 02 (2002) | 0 Kommentare

…oder was im Sommer 2002 in Harduf geschah

Zehn Menschen verschiedenen Alters, 14 sonnig-heiße Tage und jede Menge Steine… was daraus entstand, sollen diese Zeilen all jenen, die unsere Arbeit auf welche Weise auch immer unterstützen, berichten.

Dank Ilse Wellershoff-Schuur, Heito Aderhold und Clemens Schuur, die drei Tage eher als alle anderen Teilnehmer nach Israel geflogen waren, wurde uns am 21. Juli ein schöner Empfang in Harduf bereitet. Wir konnten uns quasi in „gemachte Betten“ und vor allem an eine gedeckte Tafel begeben. Am nächsten Morgen nach der Weihehandlung haben wir unsere Baustellen an der Schule und an der Stelle im Wald (unterhalb des Kuhstalls), wo die Begegnungsstätte entstehen soll, angeschaut.

Die Wege im Bereich der neu errichteten Unterund Mittelstufengebäude sollten wir mit Steinen befestigen, damit die Erde aus den Pflanzbeeten bei Regen an ihrem Platz bleibt. Dienstag begannen wir unseren Tag wie alle folgenden Arbeitstage um 5.15 Uhr mit einem kultischen Morgenanfang vor dem Altar. Während Ilse mit zwei Ministranten zurückblieb, um die Weihehandung zu zelebrieren, zog der Rest in den Wald zum Steinesammeln. So trafen wir das erste Mal auf Steine und sammelten im Folgenden mehrere Anhängerladungen selbiger. Diese Steine dienten als schöne und zugleich zweckmäßige Befestigung des Erdreiches. Wir hatten unseren Spaß beim Steinesetzen,

denn natürlich kann man nicht einfach jeden x-beliebigen Stein beziehungslos neben den zuvor mühevoll eingebauten Brocken setzen. Da bedarf es schon… Jetzt sind jedenfalls die Beete auf sehr lebendige Weise eingefasst und es bleibt zu hoffen, dass die Erde tatsächlich auf ihrem Platz bleibt. Zum Ende der ersten Arbeitswoche haben wir noch drei Schulcontainer von außen lasiert.

In der zweiten Woche begannen wir zusammen mit Ya’akov Arnan und Re’uven Cohen im Wald einen Begegnungsplatz anzulegen. Re’uven ist Architekt mit ökologischem Schwerpunkt und hatte sich für das Zentrum der Begegnungsstätte Folgendes überlegt: an einem Hang sollte ein rundes Forum entstehen, das außen mit Steinmauern gegen den Hang befestigt werden und als Herz eine Feuerstelle haben sollte. Die Steine für die Mauer sollten möglichst aus dem Inneren des Kreises stammen. Ich fand diese Idee ein wunderbares Symbol für einen Ort der Begegnung: Im Inneren liegen die Fundamente für etwas, das nach außen wachsen will.

Der Platz, an dem wir mit der Arbeit begannen, diente im Frühjahr schon für ein Treffen verschiedenster Menschen, an dem von unserer Seite Ilse Wellershoff-Schuur und Anselm Schelcher teilnahmen. So waren schon Bäume gefällt, um Platz zu schaffen, und der Kreis als solcher war auch schon erkennbar nur war die ganze Sache noch nicht eben. So begannen wir mit Spitzhacken im oberen Bereich Richtung Hang Erde und vor allem unsere Freunde, die Steine, abzutragen. Ich wusste gar nicht, wie steinig Galiläa ist gelegentlich trafen wir sogar auf Erde. Die Erde wurde am tiefer gelegenen Teil des Platzes angefüllt und die Steine, so sie denn geneigt waren, fanden ihren Platz in der Mauer. Zuweilen war es Knochenarbeit, bis ein Stein davon überzeugt war, dass sein Platz in der Mauer und nicht in der Erde sei. Aber mit Vorschlaghammer, Brechstange und Pickel leisteten wir in den meisten Fällen erfolgreiche Arbeit. Die Bäume waren zwar gefällt und der Dichter Eichendorff sei an dieser Stelle zitiert „zu Fällen einen schönen Baum, brauchts eine halbe Stunde kaum“. Nur die Baumstümpfe samt der Wurzel, die sich auf ganz besondere Weise den Steinen Galiläas verbunden fühlten, sind in dieser Rechnung leider nicht enthalten. Es dauerte viele Stunden und kostete manch Werkzeug, bis wir drei dieser Stümpfe entfernen konnten. Ya’akov sagte bei dieser Arbeit treffend: “I feel the earth move under my feet”.

Die Zeit wurde knapp, denn zum Ende der Woche wollten wir den Platz soweit fertig gestellt haben, dass tatsächlich eine Begegnung an diesem Ort stattfinden konnte und es gelang. Natürlich steckt für folgende Jahre noch sehr viel Arbeit in und um diesen Platz. Ein weiteres kleines Projekt während der zweiten Woche war der Bau einer Pergola über dem Eingang des Kindergartens in Sawa’ed. So weit die Arbeit.

Ganz besonders intensiv waren auch diesmal die Begegnungen mit all den vielen Menschen. Ein Höhepunkt dieser Reise war das Treffen unserer Gruppe mit einer arabisch-moslemischen Pfadfindergruppe aus Shfaram. Mitte der ersten Woche trafen wir uns gegen Abend mit den Leitern eines Pfadfinder-Kinderlagers auf deren Lagerplatz. Jedes Jahr in den Sommerferien bieten die Pfadfinder solche festen Lager für drei Wochen an. Die Kinder werden dort tagsüber betreut und fahren abends meist wieder nach Hause. Das diesjährige Lager stand unter dem Thema „In zwanzig Tagen um die Welt“. Die Kinder ab vier Jahren waren in Gruppen aufgeteilt und jede Gruppe wurde einem Land zugeordnet. Die Kinder lernten unter anderem etwas über die wichtigsten Merkmale des jeweiligen Landes. Wir bekamen das Lager gezeigt und haben dann gemeinsam Kennenlernspiele gespielt, und jede Gruppe sang ein paar Lieder. Bei einem gemütlichen, typisch arabischen Abendessen, gab es Raum für Gespräche mit Einzelnen. Ich saß neben einem etwas älteren Herrn und wir kamen über Gott und die Welt zu sprechen, auch darüber, dass Maasen Ajoub in England studiert hatte. Auf die Frage „Wo und Was?“ erhielt ich „Emerson College“ und „Waldorfpädagogik“ zur Antwort… Die Jugendlichen unter den Pfadfindern haben natürlich nichts mit Waldorf und dergleichen zu tun. Es würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen, noch weiter ins Detail über die Ideale und den Grund der Pfadfinderarbeit zu gehen, aber ich glaube, für alle von uns war dieser Einblick in die Pfadfinderarbeit und das Leben der Jugendlichen, die sehr engagiert waren, mehr als spannend.

Zum Ende unserer zweiten Woche waren wir dann Gastgeber für die Pfadfinder. Wir wollten und durften etwas von dem zeigen, was typisch für unsere Jugendarbeit ist und wie Begegnung entstehen kann. Donnerstag, den 1.8., am späten Nachmittag trafen wir uns an unserem Begegnungsplatz und gestalteten einen schönen Abend mit Begegnungsspielen, gemeinsamem Kochen, Lagerfeuer, Tanz und Gesang. Der Abend endete am Lagerfeuer mit der Lesung des Hohen Lieds der Liebe auf deutsch und auf hebräisch. Am nächsten Morgen trafen wir uns, um dem Wunder des Sonnenaufgangs zu folgen. Zwei gemischte deutsch-arabische Gruppen stellten gemeinsam etwas in Worten oder Gesang über die Sonne dar. Anschließend mit steigender Sonne Bothmer-Gymnastik unter Amin Sawa’eds Anleitung. Nach einem Frühstück im Wald versuchten wir in zwei Arbeitsgruppen das jeweils Charakteristische der vier verschiedenen Naturreiche (Steine, Pflanzen, Tier und Mensch) herauszuarbeiten und wie sie aufeinander aufbauen. In der Abschlußrunde auf die Frage, was jeder von diesem Treffen mit sich nehmen würde trat deutlich hervor, dass für viele ein Anfang in Richtung Verständigung gemacht worden ist und dass der Wunsch besteht, dass dieser Same wachsen möge. Für viele der Pfadfinder war es darüber hinaus eine schöne Erfahrung, junge Leute aus dem Ausland kennen gelernt und etwas über unsere Intentionen und das Projekt erfahren zu haben.

Was neben dieser Begegnung unser diesjähriges Lager bereicherte, war zum einen, dass Amira Shir zu uns stieß. Amira hatte in Harduf am anthroposophischen Grundbildungsjahr teilgenommen und eine Zeit in Kfar Rafael gearbeitet und kommt jetzt zurück nach Harduf, um dort eine Ausbildung an Ya’akovs Schauspielschule zu machen. Amira hat jede Menge Erfahrung im Bereich Jugendarbeit und ist bestimmt ein Gewinn für die Realisierung des Projektes vor Ort. Zusammen mit Johann Schuur wird sie hoffentlich im nächsten Jahr einiges erreichen und vorbereiten. Zum anderen hatten wir Besuch von Menschen, die nach Harduf gekommen waren um die Weihehandlung und die Christengemeinschaft kennen zu lernen. Auch in diesem Zusammenhang ergab sich manch interessantes Gespräch. Wie ist es, wenn jemand einen ganz anderen kulturellen und zunächst spirituellen Hintergrund hat und plötzlich nach neuen Wegen sucht, getrieben von der Gewissheit, dass es Antwort auf seine Fragen und Empfindungen geben muß? Diese Gespräche haben mir viel zu denken gegeben. Auch gab es Menschen aus Harduf, die regelmäßig oder gelegentlich an der Weihehandlung teilnahmen. Man merkt, wie auch in diesem Bereich ganz zögerlich etwas für die Zukunft wächst.

Last but not least haben wir auch Ausflüge gemacht, z.B. an den See Genezareth, zu den Jordanquellen nebst spannender Fahrt durch den Golan, eine Canyonwanderung und einiges mehr. Und während ich hier sitze und schreibe, frage ich mich, wie wir dies alles in 14 kurzen Tagen untergebracht haben. Die Gruppe war nahezu ideal, jeder hatte seine Talente und seine ganz besondere Art. Dadurch, dass wir nur so wenige waren, entstand ein fruchtbares Zusammenarbeiten, Leben und Lachen. Denn der Humor stand neben der Hoffnung doch auch über Allem.

Katrin Büttner

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