Aus dem Rundbrief vom März 2011

Einige Monate sind seit dem euphorischen Versprechen am Flughafen vergangen. Dem Versprechen, dass wir uns alle nächstes Jahr wieder treffen, um gemeinsam nach Israel zu fliegen.  So schön auch die ersten begeisterten Erzählungen und Berichte für die Verwandten und Freunde gewesen sein mögen - viel wichtiger scheint mir jetzt genau diese Zeit, wo mehr oder weniger bewusst das Erlebte in tiefere Schichten dringt und in uns seinen Nachklang findet. Was wird aus alle dem werden?
Wir haben so unendlich viel Neues und Gegensätzliches kennen gelernt, das war unglaublich. Da saßen wir gerade einmal ein paar Stunden im Flugzeug, und über Nacht wachten wir in einer scheinbar neuen Welt auf. Kaum ein Wort verstanden wir von unseren russisch, arabisch und hebräisch sprechenden Reisegefährten. Die schwüle Hitze in Tel Aviv und die eilig umhergehenden schwarz bemäntelten und hoch behüteten Männer mit den ungewohnten lockigen Strähnen rechts und links vor den Ohren und den meist dicken Brillengläsern und die vielen Militärs, stets mit dem Finger am Abzug ihrer Waffen, verstärkten den Eindruck aus den Medien: wir sind in einem spannungsgeladenen Land gelandet. Aber nach einer einstündigen Zugfahrt Richtung Haifa, wobei wir schon erste Eindrücke der kargen, matt-braun-grünen Landschaft im besonderen Lichte der schnell aufgehenden Sonne erhaschen konnten, wurden wir von Amin und Re‘i herzlich empfangen. Beider Augen blitzten trotz der enormen Hitze munter und fröhlich und wurden mit leichter Besorgnis getrübt, als sie uns so schlaff und erschöpft nach Harduf fuhren. Die den meisten von uns gut vertraute anthroposophische Architektur der Schule wurde uns schnell zum wohnlichen Heim, und schon nach wenigen Stunden waren wir wieder fit genug, um einen ersten Rundgang durch das Kibbuz zu machen und von der entstehenden Begegnungsstätte “Sha’ar laAdam” Matratzen für unser Schlaflager in der aufgrund der Sommerferien leer stehenden Schule zu holen.
Für die nächsten 2 ½ Wochen wurden diese beiden Orte Teil unseres täglichen Lebens. Jeden morgen nach einem gemein-samen kultischen Beginn versammelten wir uns unter den hohen Kiefern am Hang des Hügels, auf dessen Spitze Harduf, umgeben von eben-falls am Hang gelegenen arabischen Dörfern, liegt und bearbeiteten unter Rei’s weisheitsvollem Blick mit Hacken, Schaufeln und vielem mehr den Boden. So konnten in der Zeit mehrere Zelte umgesetzt werden, die aufgrund von nachträglichen Grundstücks-Grenzbestimmungen zuvor an der falschen Stelle ihren Platz gefunden hatten.
Jeden Tag blieben aber auch einige von uns auf dem Gelände der Waldorfschule, um diverse Klassenzimmer neu zu streichen, den Holzboden zu ölen oder sonstige Arbeiten zu erledigen. Nach den ausgiebigen späten Frühstücken und der genüss-lichen Pool-Planscherei machten wir meist erschöpft Mittagsruhe, bevor es dann am Nachmittag zum zweiten Teil des Lagers ging: der Schauspielerei. Dankenswerter Weise durften wir die Bühne der kleinen Theaterschule von Ya’akov Arnan nutzen, wo wir dann täglich trotz beachtlicher Hitze begeistert den von Hannah Heckenhausen angeleiteten Improvisationsübungen folgten. Und wir haben es tatsächlich geschafft am Ende eine kleine Zusammenstellung aus dem Arbeitsprozess unter dem Motto “Grenze” zur Aufführung zu bringen. Am Abend sind wir dann stets müde und erschöpft sehr bald nach dem selbstgekochten üppigen Abendbrot, dem anschließenden Abendkreis und abschließenden kultischen Abendabschluss auf unsere Matratzen gefallen.
Als sehr bereichernd empfand ich, dass diese Tage stets von besonderen Dingen durchzogen waren. So kamen verschiedene Menschen zu uns und erzählten im Abendkreis aus ihrem Leben, von der Situation vor Ort, der Gründung des Kibbuz und der Lage der Anthroposo-phie in Israel. Ebenso spannend waren aber auch unsere Besuche zum Abendessen in verschiedenen Familien im Ort oder die beiden Besuche im arabischen Dorf Sawa’ed, wo wir Amin und seine Familie und Kultur sehr eindrücklich erleben konnten.
Außerdem gab es auch einige Tage, an denen wir das Land erkundeten und durch die Vielfalt nicht mehr aus dem Staunen heraus kamen. Besonders prägend waren die Fahrt zu den Golan-Höhen und dem See Genezareth mit seinen vielen religiösen Stätten und die Wasser-Wanderung im Naturreservat Yehudiya, bei denen uns Gadi als ehemaliger Militär mit vielen Erfahrungen hilfreich begleitete und auch unser Busfahrer Chaled sein Bestes tat, um uns z.B. durch leckeres Gebäck, Melone o.ä. vor einem Hitzetief zu bewahren.
Als krönenden Abschluss verbrachten wir die letzten vier Tage in Jerusalem, wobei jedoch der Abschied von Harduf und den Menschen dort nach so vielen gemeinsamen Erlebnissen nicht gerade leicht war. In Jerusalem tauchten wir noch einmal in die vielfältigen kulturellen Facetten des Landes ein und hatten neben den reichen Kulturerlebnissen sehr viel Freude beim Verhandeln auf den bunten Basaren.
So fremd das Land mir vielleicht am Anfang war, so habe ich doch immer mehr das tiefe Gefühl, dass es etwas mit mir zu tun hat. Was aber genau dieses “etwas” ist, oder welche Rolle es in meinem weiteren Leben spielen wird, liegt noch im Dunkeln. Ich vermute jedoch, dass es meinen lieben Mitreisenden sehr ähnlich ergeht. Darum einen herzlichen Dank, an Johann Schuur und Hannah Heckhausen, auf deren Schultern diese Fahrt wohl hauptsächlich lastete, aber auch an alle anderen, die alljährlich solch eine Unter-nehmung ermöglichen!